Von Herrmann Lewy

Werner Keller: Und wurden zerstreut unter alle Völker. Die nachbiblische Geschichte des jüdischen Volkes. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München. 544 Seiten, 29,50 Mark.

Der Antisemitismus hat tiefverästelte Wurzeln. "Ein einheitliches Entstehungsprinzip zu finden, ist unmöglich", heißt es im "Jüdischen Lexikon" aus dem Jahre 1927. "Historisch lassen sich nur drei Grundrichtungen feststellen, die mit Zeitströmungen kommen und gehen", wird dann im weiteren Verlauf der Erklärung des Begriffes Antisemitismus dargelegt. Diese drei Richtungen sind: der religiöse, der wirtschaftliche und der sogenannte "Rassen"-Antisemitismus. Es ist das bleibende Verdienst von Papst Johannes XXIII-, daß er sich mit allen Kräften bemühte, dem religiösen Antisemitismus die Wurzeln zu entziehen, sowie des jetzigen Papstes, daß er mit dem Judenschema des II. Vatikanischen Konzils den historisch nicht belegbaren Vorwurf, die Juden seien das Volk der Gottesmörder, beseitigte.

Der wirtschaftliche Antisemitismus ist – sofern man Deutschland betrachtet – heute ohne jegliche Ursache, denn in Deutschland gibt es im wesentlichen nur noch einen Antisemitismus ohne Juden, da die wenigen Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung, die hier wieder ansässig wurden, im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Leben keine Rolle mehr spielen – und sich somit die Antisemiten eingefleischter Vorurteile nicht mehr bedienen können, wenn sie sich selbst nicht ad absurdum führen wollen. Ganz abgesehen davon, ist das Werden und Wachsen des Staates Israel offensichtlich Widerlegung vieler Vorurteile.

Was der "Rassen"-Antisemitismus angerichtet hat, ist zum weitaus größten Teil auch denjenigen klargeworden, die seine spürbaren und sichtbaren Folgen kennengelernt haben. Er wirkte sich nicht nur verheerend auf die europäische Judenheit aus, sondern auch auf die von Hitler unterjochten Völker und auf Deutschland selbst, das in ein Chaos gestürzt wurde, dessen Spuren sich tief eingegraben haben in das Leben Nachkriegsdeutschlands. Auch die Generation, die den "Rassen"-Antisemitismus als Anschauungsunterricht nicht selbst zu fühlen bekam, nämlich die Nachkriegsjugend, ist, im großen und ganzen wenigstens, objektiv, sachlich eingestellt.

Folgert man jedoch, daß der Antisemitismus hierzulande völlig abgewirtschaftet habe, geht man fehl. Vorurteile, Intoleranz und falsche Ansichten von "den" Juden, vom "Weltjudentum" in seiner judenfeindlichen Färbung und von den "Minderwertigen" halten sich wie Viren und Bakterien im menschlichen Körper, die nicht energisch und ständig bekämpft werden. Die Frage, ob der Antisemitismus ausgerottet werden kann, ist nur im Zusammenhang der sittlichen Hoffnungen überhaupt zu erörtern. Da der ausgesprochene Haß aber zu den sittlichen Übeln zählt wie Mord, Lüge und Heuchelei, muß mit allen Mitteln und militant gegen ihn angegangen werden. Und dies ohne Rücksicht darauf, ob der Abwehr gegen das Gift des Antisemitismus anfänglich sichtbare Erfolge beschieden sind oder nicht. Die demokratische Menschheit glaubt, daß er einst überwunden werden wird. Denn der Kampf gegen den Antisemitismus ist verzahnt mit dem Kampf um Recht und Freiheit.

Betrachtet man eingehend die Geschichte der Juden, so zeigt sich, daß sich die Verfolgungen von Juden wie ein roter Faden durch die nachbiblische Geschichte zieht. Werner Keller hat sich der unsäglichen Mühe unterzogen, historische Geschehnisse aufzuhellen, die Vorhänge zu zerreißen, die durch Fälschungen und Unwissenheit die Augen nichtjüdischer Menschen verhüllten.