Einem guten Film, er hieß Abschied, ließen Günter Herburger und Peter Lilienthal einen besseren folgen. Nach den alten Leuten die jungen. Der Beginn schildert Impressionen, Gedanken und Erlebnisse eines zärtlichen Beatniks an der Schwelle zwischen Schulentlassung und Lehre. Aus Spanien kommt er, sein: Name ist Rick, und nach Spanien möchte er wieder zurück.

Es wird wenig gesprochen, ein Kaleidoskop von Bildern, eine Summe optischer Korrelate verdeutlicht den Denkprozeß. Gesten ersetzen das Räsonnement: Rick verschenkt Schals und Zigarren, er ist liebenswert, seine Bewegungen, wie er geht und lächelt und die Hände spielen läßt, verraten Interesse und Anmut. Ein Begriff, Freundlichkeit, entfächert sich – aber nicht im Sinn einer psychologischen Studie, nicht nach den Regeln der Charakterologie. Herburger und Lilienthal beobachten ihre Figuren aus großer Distanz; deshalb fallen alle Sekunden-Ausbrüche, alle punktuellen Ekstasen kurzerhand unter den Tisch.

Nur auf die großen Linien kommt es an: auf die Demonstration der Gleichgültigkeit, die Darstellung des "so, doch auch so", auf die große Fremdheit unter den Menschen und darauf, daß sie, die bei aller Zärtlichkeit käuflich sind, einander – offen die einen, heimlich und mit viel ideologischer Verbrämung die anderen – als Waren betrachten. Brauchbar und überflüssig, Genuß verheißend und fad, erledigt und nützlich.

Der Grundtön heißt Resignation, jedermann geht seiner Wege, die Mutter mit dem Chef, der Vater mit seinen Gedanken, auch Rick paßt sich an, der Traum von jener Welt, die groß und weit wie eine Zigarettenmarke ist, erweist sich als nichtig, das kleine Glück, die Schwester vom Tanzschuppen, die Werkskantine hat ihn wieder.

Das alles wurde leise, anspielungsreich und beiläufig erzählt. Statt Höhepunkte dramatisch zu akzentuieren, stellten die Autoren Nebensächlichkeiten vor, und die sprachen für sich. Fabrikmädchen plauderten über den Schauspieler Brando, eine Kofferradiostimme sagte: "Ich bin nur ein Autoschlosser, mehr nicht", man begann, und das eben war faszinierend, an einem scheinbar beliebigen Punkt und hörte ebenso auf, man zeigte zuerst das Bild auf dem Fernsehapparat, Marilyn sang Happy birthday, und dann erst die Leute vorm Bildschirm, so daß der Betrachter mit der gleichen Intensität und so leibhaftig wie diese Leute dabei: war. Man zeigte Vorbereitungen, Ausklänge, Pausen, Intermezzi, langweiliges Herumsitzen, Wortgeplänkel, Sich-Aalen, Sich-Wiegen, Sich-Angucken, man gab das Überraschende als Selbstverständlichkeit, das Ungewohnte als Normalität, das Diskontinuierliche als konsequent.

Menschen, bestimmt von den Gesetzen der Simultaneität und Kontemporaneität, Genossen vieler Zeiten und Bewohner vieler Räume, wurden sichtbar; Denkprozesse enthüllten sich mit Hilfe visueller Analogien, dank einer Montage von Bildern, Spanien in Berlin, von Leitmotiven, ein Betriebspsychologe preist die Lehrlingsarbeit an, von Satzfetzen, hast du die Durchschläge, ich glaub, ich bin nicht telegen, ich denk, du willst in die Fabrik, von impressionistischen Photos und kühnen Kollagen.

Schade, daß der Film um zehn Minuten zu lang war und sich im letzten Drittel zu verzetteln drohte: Der handaufhaltende Freund, eine Kontrastfigur zu Rick, war ebenso Dekoration wie das Brillantfeuerwerk und die Elsässer Trachten. Warum, wenn die ganze Etüde, eine bewegende, artistisch präzise Etüde ein Panoptikum ist – warum dann die grelle, als fabula docet wirkende Panoptikums-Szene?

Und dennoch, ich kann mich keiner Fernsehsendung entsinnen, bei der ich so wie hier das Gefühl des mea res agitur hatte. So wird gedacht, so verkehren wir untereinander, so verständigen sich die, die wir nicht mehr verstehen. Dies ist ihre Syntax, dies ihr Vokabular, dies ihr Klischee, ihr Sentiment, ihre Kälte und ihre Zärtlichkeit. Momos