Kripo versagte nach dem Bremer Flugzeugunfall

Bremen

Drehorgeln dudelten Evergreens vor dem Bremer Rathaus, Begleitmusik zum hanseatischen Oktoberfest, dem Freimarkt. Als oben im Festsaal des Rathauses zwischen Gold, Stuck und geschnitzten Eichenemporen Flugkapitän Max Brandenburg am vergangenen Donnerstag sagte: "Das Herz des Piloten stand für eine Untersuchung nicht mehr zur Verfügung", wehten Klangfetzen der Ausgelassenheit durch die verhängten Fenster. Vor der Geräuschkulisse der "tollen Tage" Bremens forschte eine Untersuchungskommission des Bundesverkehrsministeriums nach den Ursachen der Flugzeugkatastrophe, die am 28. Januar dieses Jahres 46 Menschenleben gefordert hat. Beim Landemanöver war die zweimotorige Convair 440 D-ACAT der Lufthansa neben dem Bremer Flughafen zerschellt. Keiner der Insassen überlebte das Unglück.

Eine Verhandlung wie diese hat es in der Geschichte der deutschen Luftfahrt noch nie gegeben. Bisher wurde nach Flugzeugunfällen geheim getagt. Jetzt war nach amerikanischem Vorbild zum erstenmal die Öffentlichkeit zugelassen. Eine selektierte Öffentlichkeit. Ohne eine Einlaßkarte des Luftfahrtbundesamtes in Braunschweig kam niemand in den Saal. "Wir wollen aus dem Verhandlungsraum keine Wärmestube für Neugierige machen", erklärte der für die Kartenausgabe zuständige Mann aus Braunschweig. Nur am ersten Tag waren die 200 Zuhörerplätze voll besetzt, am dritten und letzten Tag gähnte Leere.

Neben den zum Ausharren verpflichteten Gutachtern, Zeugen und Luftfahrtexperten aus dem In- und Ausland, hielten Angehörige der Verunglückten zweieinhalb Tage lang aus: Junge, stille Frauen in Schwarz und weißhaarige Mütter, die manchmal spontan nach der Hand eines Trauernden neben ihnen griffen, wenn nüchterne Feststellungen der Experten ("den Rumpf der Leiche hatten wir in Toto, aber das dazugeordnete Bein stellte sich als Fehllieferung heraus"), Grauen verbreiteten. "Ich bin hier, weil ich erfahren möchte, warum mein Mann sterben mußte", sagte eine junge Witwe während einer Verhandlungspause. Sie hat am 28. Januar um 17.50 Uhr, als die Maschine einschwebte, mit ihren Kindern in der Empfangshalle des Flughafens gestanden. Sie erinnert sich: "Die Kinder hatten Blumensträuße für den Vater mitgebracht."

Elf Fachgruppen haben seit dem Unglückstag mit wissenschaftlicher Akribie nach der Absturzursache geforscht. Technische Fehler an der Maschine, Mängel an den navigatorischen Einrichtungen des Bremer Flughafens wurden nicht entdeckt. Während der Verhandlung bezeichnete ein Sachverständiger die Flughafenanlage als "verbesserungswürdig", schwächte jedoch sogleich ab, als der Verhandlungsleiter, Heinrich von Spreckelsen, das Wort aufgriff. "Die dem heutigen Stand angemessene Genauigkeit ist noch nicht erreicht", hieß die korrigierte Formulierung.

Wie im schlechten Krimi