Mittwoch, 26. Oktober 1966: Nach genau einem Jahr Lebensdauer gerät die Bonner Koalition zwischen CDU/CSU und FDP im Streit um den Bundeshaushalt aus den Fugen. Beide Fraktionen bleiben hart. FDP: "Keine Steuererhöhungen." CDU: "Keine soziale Demontage."

Der Streit wird im Kabinett fortgesetzt. Nach zehn Stunden leichte Entspannung. Die FDP-Minister akzeptieren einen Kompromiß: Erst wenn Ausgabenkürzungen und Einnahmeverbesserungen durch Abbau von Steuervergünstigungen nicht ausreichen, um den Haushalt auszugleichen, müßten Steuererhöhungen in Betracht gezogen werden.

Donnerstag: Aufruhr in der FDP gegen den Minister-Kompromiß. Massiver Druck der Landesverbände in Hessen und Bayern, wo Wahlen bevorstehen. "Bild"-Schlagzeile: "FDP fiel wieder um ..." Mittags erzwingt die Fraktion den Rücktritt der vier Minister Mende, Dahlgrün, Scheel und Bucher. Ihre Posten werden von CDU-Kollegen mitverwaltet. Bundespräsident Lübke rät auch Erhard zum Rücktritt. Der Kanzler ist jedoch entschlossen, mit einem Minderheitskabinett weiter zu regieren. Strauß: "Ich bleibe in großer Distanz." SPD: "Wir sind keine Lückenbüßer."

Freitag: Niederlage der Minderheitsregierung im Bundesrat. Zum erstenmal seit 1949 lehnt es die Ländervertretung ab, über den Etatentwurf des Bundeskabinetts überhaupt zu diskutieren. (Grund: Deckungslücke von vier Milliarden Mark.) Regierung soll neuen Etat oder Ergänzungshaushalt vorlegen. Erhard läßt der FDP Rückkehr ins Kabinett offen. Barzel: "Die Mehrheit der CDU steht hinter Erhard."

Samstag: Der Bundeshauptausschuß der Freien Demokraten verlangt eine Regierungspolitik, die den veränderten innen- und außenpolitischen Verhältnissen gerecht wird. FDP und SPD halten sich alle Möglichkeiten offen. Erhard begibt sich auf eine Wahlreise durch hessische Kleinstädte. In Bonn ist zwischen Schröder und Barzel ein verborgener Zweikampf um die Kanzlernachfolge ausgebrochen. Als Kandidaten sind außerdem noch im Gesprach: Gerstenmaier, Kiesinger, Dufhues und Lücke.

Sonntag: Erhard in Hessen: "Ich bin nicht bereit, zu-kapitulieren. Ich bin gewillt, die Macht als Bundeskanzler, die mir das Grundgesetz gibt, bis zur letzten Konsequenz auszuschöpfen."

Montag: Die Parteifreunde Barzel, Krone und Heck vermögen den Kanzler nicht umzustimmen. SPD beantragt, Erhard solle Vertrauensfrage stellen und im Falle eines Mißtrauensvotums Neuwahlen ermöglichen. SPD und FDP lehnen Erhard als Kanzler ab. Der bayerische Ministerpräsident Goppel (CSU) fordert Erhards Abgang.

Dienstag: Auch Dufhues stellt sich gegen den Kanzler: Erhard solle "die seelische Kraft aufbringen, den Weg freizumachen."