Am 18. Oktober wurde im Schleswig-Holsteinischen Landtag in erster Lesung der Gesetzesentwurf behandelt, durch den die Pädagogischen Hochschulen Flensburg und Kiel zu Wissenschaftlichen Hochschulen erhoben werden sollen. Schleswig-Holstein schließt sich damit Nordrhein-Westfalen an, das diesen Schritt schon vor einem Jahr tat. Hamburg und Hessen erreichten ähnliches auf anderem Wege: Hamburg nahm die Ausbildung der Volksschullehrer in die Universität hinein und gab ihnen ein "Seminar für Erziehungswissenschaften"; Hessen gliederte seine Pädagogischen Hochschulen als selbständige Institutionen den Universitäten an.

Man kann diesen Trend zur Wissenschaftlichkeit auf verschiedene Weise auslegen – immer vorausgesetzt, daß der Begriff "Wissenschaftlichkeit" besser im ungeklärten Dunkel bleibt, sind sich doch manche Leute heutzutage nicht mehr ganz klar darüber, ob an der Universität selber immer noch "Wissenschaft" getrieben wird.

Es ließe sich denken, daß die Mitglieder des Lehrkörpers einer Pädagogischen Hochschule für ihre eigenen wissenschaftlichen Leistungen eine offizielle Anerkennung haben möchten.

Möglich wäre auch, daß nicht die Leistung der Forscher, sondern die der Lehrer honoriert werden soll. Manches Seminar an einer Fachschule nimmt ja wirklich seinen Lauf ohne Rücksicht auf das Ausbildungsziel. Man könnte es also getrost mit der Universitätsbildung zukünftiger Gymnasiallehrer vergleichen – deren akademischer Rang bisher daran gemessen wird, wie sehr sie den späteren Beruf außer acht läßt.

Drittens wäre schließlich noch denkbar, daß beide Motive zusammenkommen.

Hajo Matthiesen glaubte nach der Lektüre des Gesetzesentwurfs annehmen zu müssen, daß für Schleswig-Holstein der erste Grund ausschlaggebend war. Und er hatte darüber hinaus noch den fatalen Verdacht, daß nicht bereits geleistete, sondern zukünftig zu leistende Wissenschaftlichkeit honoriert werden soll. Sein Kronzeuge ist Kultusminister Heydebreck, für den die Wissenschaftlichkeit einer Hochschule sich im Forschungsauftrag dokumentiert, den das neue Gesetz ihr erteilen wird.

Jedoch: weder Wissenschaftlichkeit noch bessere Ausbildung können so einfach durch Gesetz verordnet werden. Wie will man wissenschaftliche Arbeit treiben ohne die notwendigen Hilfsmittel, ohne ausreichend besetzte Stellen, ohne Platz und ohne Geld? Wie soll die Ausbildung von Studenten verbessert werden, die sich in einer Hochschule drängeln, die für ein Fünftel ihrer jetzigen Zahl gebaut war – dazu noch ohne genügend Lehrer, denn nicht einmal alle im Stellenplan vorgesehenen Lehrstühle sind im Augenblick besetzt?

Unter solchen Umständen – und mit einer grundsätzlichen Änderung ist im notorisch armen Schleswig-Holstein vorläufig wohl nicht zu rechnen – kann das geplante Gesetz wirklich nur als ein Pflästerchen betrachtet werden, das durch die Verleihung eines symbolischen Titels die wirkliche Situation verdeckt. Mag sein, daß die Professoren sich das bieten lassen; daß die Studenten darauf hereinfallen, kann ich mir nicht denken. Hilke Schlaeger