Seit dem Ende des Krieges steigen in der Bundesrepublik die Löhne Jahr um Jahr. Wir haben uns mittlerweile so daran gewöhnt, als ob das selbstverständlich wäre und gar nicht anders sein könnte. Zum mindesten seit den von der englischen Labour-Regierung verfügten Stabilisierungsmaßnahmen wissen wir indes, daß es auch Situationen geben kann, die ohne einen rigorosen Lohnstopp nicht gemeistert werden können. Und seit einigen Tagen verfügen wir. in der Bundesrepublik nun sogar über die Erfahrung, daß auch Lohnsenkungen keineswegs mehr in den Bereich des Undenkbaren und Absurden verwiesen werden können.

Die Bochumer Maschinenfabrik und Eisengießerei Wolff jr. GmbH hat mit Wirkung vom 1. November die Bruttolöhne und Bruttogehälter ihrer 400 Arbeiter und Angestellten um zehn Prozent gekürzt. Grundlage dieser Lohn- und Gehaltskürzung ist eine Vereinbarung zwischen Firmenleitung und Betriebsrat, der nicht nur der zuständige Arbeitgeberverband, sondern bemerkenswerterweise auch die Bochumer Ortsleitung der Industriegewerkschaft Metall ihre Zustimmung gegeben haben. Diese in der deutschen Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit bisher wohl einmalige Vereinbarung verliert auch dadurch nichts von ihrem sensationellen Charakter, daß das Bochumer Unternehmen seinen Arbeitern und Angestellten übertarifliche Leistungen gewährte und auch nach dem Lohn- und Gehaltsschnitt die von den Sozialpartnern vereinbarten Tarife nicht unterschritten werden.

Das "Experiment von Bochum" verdient aus zwei Gründen über den örtlichen Bereich hinaus Beachtung: Anlaß für diesen ungewöhnlichen Schritt ist die bedrohlich gewordene Auftrags- und Ertragslage des Unternehmens. Vor die Alternative gestellt, entweder die Kündigung ins Haus geschickt zu bekommen oder vorübergehend und bis zum Eintritt besserer Zeiten den Gürtel enger zu schnallen, hat sich die Belegschaft für das letztere entschieden. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes hat dem Inhalt der Lohntüte den Rang abgelaufen.

Von größerem Gewicht und beherzigenswert vor allem für Arbeitgeber, die das Bochumer Experiment mit mehr als nur theoretischem Interesse verfolgen sollten, ist der andere Teil der Geschichte: Im Laufe ihres 112jährigen Bestehens ist es der Firma Wolff gelungen, mit ihren Arbeitern und Angestellten ein enges Vertrauensverhältnis herzustellen. Und die Vereinbarung zwischen Betriebsleitung und Betriebsrat kam zustande, nachdem sich die Vertreter der Arbeitnehmer, die IG Metall eingeschlossen, durch Einblick in die Geschäftsbücher von der finanziellen Bedrängnis des Unternehmens selbst haben überzeugen können.

Von dem Sprecher des Bochumer Arbeitgeberverbandes wurde das Übereinkommen denn auch als ein "Beispiel bewährter Mitbestimmung" gerühmt. Sie hat, wie sich hier zeigt, auch für die Unternehmer ihre durchaus positiven Seiten. Wolfgang Krüger