Von Ililke Schlaeger

Jeder zweihundertste Bundesbürger ist Mitglied eines Fernlehrinstituts. Das heißt: etwa 300 000 Leute sitzen abends über Lehrbriefen und lernen Wirtschaftsgeographie oder Technisches Zeichnen.

In anderen Ländern sind die Zahlen abendlicher Studenten weitaus höher. So sitzen zehn Prozent aller Schweden nach der täglichen Arbeit über kaufmännischen, technischen oder allgemeinbildenden Heften, die ihnen mit der Post ins Haus kommen, brüten über Aufgaben und erwarten zagend die Urteile des nie gesehenen "Lehrers", der ihnen bestätigt, daß sie es fein gemacht hätten oder auch, daß es diesmal leider nur knapp ausreichend war.

Sicher wird sich das Fernschulwesen auch in der Bundesrepublik in den nächsten Jahren weiter ausbreiten. Diese Art sich fortzubilden, ist inzwischen eine durchaus seriöse Beschäftigung geworden – besonders seit einige große Unternehmen ihre innerbetriebliche Schulung Fernlehrinstituten anvertraut haben und die Anstrengungen ihrer Angestellten mit Gehaltserhöhungen honorieren.

Fast ausschließlich tragen bei uns private Unternehmer die Verantwortung für die Weiterbildung ihrer Mitbürger. Eine staatliche Kontrolle wird zur Zeit zwar diskutiert; im allgemeinen aber hängt es von dem einzelnen Institut ab, wie gut es seine Kunden bedient. Manche unseriösen Unternehmen schlagen Kapital aus dem Wunsch der kleinen Angestellten, Unternehmensführer zu werden.

Auch bei den soliden Instituten sind akademische Grade nicht zu erwerben. Das Fernstudium endet unterhalb der Hochschulstufe. Das Hamburger Fernlehrinstitut kann immerhin auf stolze 22 Abiturienten verweisen, die mit seiner Hilfe die Hochschulreife erlangt haben.

Im Ausland ist man uns da um einiges voraus. Vor allem in den Ländern des Ostblocks ist der Weg über den Lehrbrief, verbunden mit regelmäßigen Zusammenkünften der Schüler und Lehrer, vollkommen normal. In der Sowjetunion studiert die Hälfte aller Hoch- und Fachschulstudenten an staatlichen Fernschulen, die den Universitäten oder Hochschulen angegliedert sind; an fünfzehn Hochschulen können sich überhaupt nur Fernschüler einschreiben. In der ČSSR werden zukünftige Lehrer im dritten Jahr ihrer Ausbildungszeit aufs Land und in die Praxis geschickt; ihre wissenschaftliche Ausbildung geht währenddessen schriftlich weiter.