Von Wolfgang Leonhard

Die Kreml-Führung rückt die ideologische Schulung wieder auffällig in den Vordergrund. Seit Kriegsende ist das "Partei-Lehrjahr" noch nie so stark betont worden wie jetzt – jenes organisierte System der ideologischen Schulung, das alle 12,5 Millionen Parteimitglieder absolvieren müssen und zu dem auch immer mehr Parteilose herangezogen werden. Im vergangenen Jahr haben 13,8 Millionen Personen an der Parteischulung teilgenommen, davon 4,7 Millionen in der "einfachen Politschulung", 3,7 Millionen in der mittleren Stufe und mehr als 3 Millionen in der Oberstufe. Für die Ausbildung standen 905 000 Schulungsleiter zur Verfügung.

Eine Fülle von richtungweisenden Artikeln in den Zeitschriften "Parteileben" und "Kommunist" und in der "Prawda" hat in diesem Herbst den Auftakt zum "Parteilehrjahr" gegeben: Gleichzeitig wird auch der Unterricht in Marxismus-Leninismus an Hochschulen und Universitäten verstärkt. Bisher schon sind an den Universitäten für das Pflichtfach Marxismus-Leninismus (aufgegliedert in dialektischen und historischen Materialismus, Politökonomie, wissenschaftlichen Kommunismus und Geschichte der sowjetischen KP) 330 Vorlesungsstunden vorgesehen. Nach den jüngsten Beschlüssen wird dieses Studienprogramm wohl noch erweitert.

Eine interessante Akzentverschiebung kommt hinzu. Unter Chruschtschow lautete die Hauptdevise, die ideologische Schulung müsse so eng wie möglich mit der Praxis verbunden werden – was nicht selten dazu führte, daß unter dem Thema "ideologische Schulung" in Wirklichkeit praktische Wirtschaftsfragen behandelt wurden. Jetzt liegt der Akzent eindeutig auf der "reinen" ideologischen Ausbildung. Der "Praktizismus" wird verurteilt, der Anspruch der Ideologie, alle Fragen beantworten zu können, in den Vordergrund gestellt. Stolz verkündete kürzlich die Zeitschrift "Parteileben", daß noch vor, zwei, drei Jahren – also vor Chruschtschows Sturz – nur ein Drittel aller Teilnehmer des Parteilehrjahres sich mit den eigentlichen ideologischen Fächern beschäftigte; jetzt sei dies bereits die Regel.

Weshalb betont die Kreml-Führung jetzt wieder die politische Funktion der Partei? Die Gründe liegen nahe:

1. Zunehmende Besorgnis der Kreml-Führung über Selbständigkeitsregungen in der Jugend. Sie drücken sich nicht nur in auffälliger Unlust zur Ideologie aus (auch in der Sowjetunion gibt es eine "Flucht in das Fachwissen"), sondern immer öfter auch in kritischen Gedanken, in Reformbestrebungen und der Suche nach neuen Wegen.

2. Sorge der Führung angesichts des Drangs der Intelligenz, vor allem der künstlerischen Intelligenz, der Kontrolle durch die Parteibürokratie zu entgehen und sich der Zwangsjacke des "sozialistischen Realismus" zu entledigen. Selbst die Bestrebungen, den immer noch verpflichtenden "sozialistischen Realismus" durch den breiteren Begriff einer "sozialistischen Kunst" zu ersetzen, sind in einem elfspaltigen Artikel der Prawda als Versuch einer "Verwässerung" gebrandmarkt worden.