Montag, 31. Oktober, 22.00 Uhr, 1. Programm:

"Kunst 66", Filmbericht von Gerd Winkler

Lieber Herr Drommert, wir beide – Sie im Studio, ich in meiner Klause – haben nun also den Film von Gerd Winkler, Kunst 66, gesehen. Es war ein exzellenter Film, witzig, ironisch, auch ein wenig schadenfroh, ein Film, der, wie mir schien, bei weitem gewichtiger war als die von ihm gezeigten Objekte.

Kunst 66, das hieß: Nägeleinschlagen (und zwar todernst, in der Weise Hans Sachsens), Finger-durchs-Loch-Stecken, ein lustiges digitalphalloides Deflorations-Spiel, Gummihandschuh-Zeigen, kinetische Operation, wabernde Wasserbusen, Plastiken mit Telephonstimmen, Brillen-Spiele, Spielwarenläden in Hitchcock-Manier. Das alles gestützt von einer Gesellschaft, die, statt sich schockiert zu fühlen, mit würdigem Nicken den Segen erteilt: Posaunenchöre auf der Biennale, Familienväter mit Blasinstrumenten, freundliche Priester, auch dies, mein Kind, dient Gottes Ehr, bramarbasierende Festredner, die einem Künstler mit possierlichen Gesten, so, jetzt drehen Sie sich bitte hierhin, mein Bester, den Siegespreis geben.

Kunst 66 also, Panoptikums- und Gruselkabinett-, Caligari- und Kinderkunst, über deren Sinn und deren Funktion neben Ihnen die Herren Claus, Martin und Simmat sowie Diskussionsleiter Hartmut von Hentig viel Erhellendes sagten. Von Harmonie war die Rede, von Leonardos Experimenten und der Freude am Spiel, von der Erweiterung unseres Wahrnehmungsfeldes, das ist sicherlich richtig, und von dem Protest gegen das Erstarrt-Konventionelle, der sich in solcher Kunst der Nägel und tanzenden Bälle manifestiere.

Hier nun, verehrter Herr Drommert, hakten Sie ein und fragten, ob denn tatsächlich noch ein Widerstand, ein Tabu, ein Regelschematismus, die Diktatur einer Konvention vorhanden sei, gegen die zu rebellieren sich lohne, ob die Gefahr heute nicht gerade darin bestünde, daß jedermann, was immer er auch produziere, des Nickens der Eingeweihten gewärtig sein dürfe.

Ja – dies nicht als captatio benevolentiae, bitte –, das war gut gesagt. Winklers Film, gewiß, gehört zur Kunst 66 so gut wie die Bilder von Janssen, Camaro und Winter was aber die Nägel und die Jo-Jo-Imitationen betrifft (sehr zu Recht verlangte Hartmut von Hentig für den Jo-Jo-Erfinder einen Biennale-Preis, ein Jammer, wahrlich, daß dieser Unzeitgemäße zu früh kam, um Künstlerruhm zu gewinnen), was die kinetischen Witze angeht, so sollte man für lustige Späße und liebenswerte Clownerien, für Geisterbahn- und Spielzeug-Effekte nicht ein so belastet-feierliches Wort wie Kunst verwenden.