Paris, im November

Frankreich zeigt sich überrascht und besorgt darüber, daß die erste richtige Regierungskrise in Bonn nach siebzehn Jahren politischer Stabilität eine wachsende Zahl von Bundesbürgern veranlaßt, die parlamentarische Demokratie anzuklagen und sich der NPD zu verschreiben. Das Wahlergebnis in Hessen hat die Sorge geweckt, daß die Deutschen, weil sie sich noch nicht schwindelfrei über den vermeintlichen Abgründen parlamentarischer Krisen bewegen können, genau jenem Sog verfallen, der die Schwindeligen auf der Höhe des Eiffelturms ergreift: sie würden zwanghaft hinabspringen, wenn die Plattform nicht von einem hohen Gitter umgeben wäre. Das politische Frankreich beruhigt sich heute mit dem Gedanken, daß die Rechte, die die Kriegsalliierten noch in Deutschland haben – die Viermächteverantwortung solch ein Gitter bilden. In Kommentaren kommt das zum Ausdruck.

Franzosen von rechts und links schlagen sich aber bei dieser Gelegenheit auch an die eigene Brust: Gibt nicht der Gaullismus ein schlechtes Vorbild für jene Kräfte in Deutschland, die ihren Nachbarn Sorgen machen? Das rechtsgerichtete Massenblatt "Aurore" erinnerte daran, daß die Bundesrepublik heute "zwischen den USA, von denen ihre Sicherheit abhängt, und Frankreich, dem wichtigsten Partner im Gemeinsamen Markt, hin- und hergerissen wird. Führt diese ungemütliche Lage nicht zu den großen Enttäuschungen, die schließlich im Abenteuer enden?" Das Blatt der Börsenkreise, "Les Echos", sprach von der "Ansteckungsgefahr des französischen Nationalismus" und meinte, daß de Gaulle in seinen Worten und Taten "die atlantischen und europäischen Bekenntnisse der Männer in Bonn unglaubwürdig macht".

Drei Tage vor der Hessen-Wahl hatte der Vorsitzende der "Föderation der sozialistischen und demokratischen Linken", François Mitterrand, das deutsche Spiegelbild de Gaulles schon so beschrieben: "Es wird ein Mann sein, der im französischen Beispiel eine Rechtfertigung für eine nationalistische Politik findet... und der zunächst Frankreich die Rolle des besten Alliierten im Atlantikpakt streitig macht, dann aber nach Rapallo geht, ohne um die Erlaubnis der Vereinigten Staaten und Frankreichs zu fragen, und dann auf seine Weise die Reise nach Moskau unternimmt." Ernst Weisenfeld