Von Ulrich Lohmar

Friedrich Glum: Zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. H. Bouvier & Co Verlag, Bonn. 785 Seiten, 48,– DM.

Der Autor, heute ein betagter Gelehrter, schildert uns sein Leben und doch mehr als dies. Von der staatlichen Verwaltung des Kaiserreichs führte ihn sein Weg in die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die heutige Max-Planck-Gesellschaft deren Generalsekretär er in den Jahren der Weimarer Republik und noch bis 1936 war. Dann ereilte ihn das Schicksal derer, die sich nicht ganz anpassen und nicht offen opponieren mochten: er wurde in die Wirtschaft abgedrängt, und nach dem Zweiten Weltkrieg finden wir ihn als Berater von General Clay in Bayern, Ministerialdirigent in der Bayerischen Staatskanzlei und Mitglied der CSU wieder.

Glum ist der Typ des feinsinnigen, lebensfrohen, honorigen Bürgers liberaler und zugleich christlicher Prägung, dem es nie in den Sinn gekommen wäre, sich etwa der Sozialdemokratie anzuschließen, wenngleich er sie natürlich für eine achtbare Partei hält. Sein Bericht über Personen und Situationen, über Parteien und Ideen der Weimarer Zeit ist ihm am besten gelungen. Der Republik stand er mit einer etwas Hilflosen Loyalität und zugleich mit kritischen Vorbehalten gegenüber: das Verhältniswahlrecht, die Ämterpatronage, mit der nach der Auskunft Glums übrigens das Zentrum in großem Stile begonnen habe und nicht die Sozialdemokratie, so wie die mangelnde Einigkeit des bürgerlichen Lagers scheinen ihm große Schwächen der Weimarer Republik gewesen zu sein.

Als Generalsekretär der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft fand Glum Zugang zu den Großen von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Einen Besuch beim Reichspräsidenten Ebert schildert er so: "Die Folge der Aufnahme von Beziehungen zum Reichspräsidenten war, daß ich bei ihm meine Karte abgab und zu einem Bierabend in dem alten Knobelsdorffschen Palais in der Wilhelmstraße, das Ebert bezogen hatte, eingeladen wurde. Die Aufmachung war damals denkbar einfach, die Diener waren nur in schwarzem Frack Aber es war sehr gemütlich, da sich der Gastgeber in keiner Weise anders benahm, als er es wahrscheinlich früher getan hatte, ein guter Bourgeois, der ebensogut Hugo Stinnes hätte heißen können. Auch Frau Ebert hatte sich in der diplomatischen Gesellschaft dadurch eine Position zu verschaffen gewußt, daß sie in keiner Weise ihre Herkunft verleugnete. So beteiligte sie sich lebhaft an einem Gespräch, bei dem der Prinzgemahl der Niederlande von einer Reise nach Neapel und Pompeji erzählte, und als dieser sie fragte, wieso sie so genau diese Gegend kenne, soll sie ganz unbefangen geantwortet haben, daß sie mit ihrer Herrschaft dort oben gewesen sei." Die Zeilen bedürfen keines Kommentars.

Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, deren Präsident nach dem Ersten Weltkrieg Harnack war, tat sich etwas schwer, mit der Republik zu einem guten Verhältnis zu kommen. Glum berichtet, Harnack habe dem abgedankten Kaiser weiterhin zum 27. Januar telegraphische Glückwünsche der Art übermittelt: "Allerdurchlauchtigster, großmächtiger Kaiser, König und Herr..", und "Alleruntertänigst ersterbend ..." abschließend. Dem republikanischen Reichstag machte Harnack das Tun der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft auf andere Weise plausibel. Früher, so äußerte er sich in einer Denkschrift, sei die Wehrkraft die Säule des Staates gewesen, heute dagegen sei es die Wissenschaft. Dem Einwand, warum sich die Gesellschaft weiterhin nach ihrem kaiserlichen Gründer nenne, begegnete man mit diesem Scherz: Bei der Einweihung eines Kaiser-Wilhelm-Instituts habe man zwei Arbeiter belauscht, von denen der eine zum anderen gesagt habe: "Kannste hier noch arbeeten? Dat heest ja immer noch Kaiser-Wilhelm-Institut!" Worauf der andere erwidert habe: "Und du heest ja ooch noch Piefke." Der Reichstag zeigte sich von dem Scherz beeindruckt und bewilligte die Vorlage der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.

Mit der Weimarer Republik ging es bergab, und Glum verfaßte zu Beginn der dreißiger Jahre gegen den aufkommenden Nationalsozialismus eine Denkschrift unter dem Titel "Das geheime Deutschland, die Aristokratie demokratischer Gesinnung". Der Titel spricht für sich. Mit Hilfe der Studie und der Querverbindungen zur Industrie suchten Glum und seine Freunde das bürgerliche Lager rechts vom Zentrum zu einer Einigung zu bewegen. Das sollte mittels eines massiven Drucks der industriellen Geldgeber geschehen, die ihre weiteren Zuwendungen von der Bereitschaft der bürgerlichen Parteien abhängig machen wollten, sich zu einer neuen einheitlichen Partei zusammenzuschließen. Die Sache scheiterte unter anderem deshalb, weil die Industriellen eine Audienz beim Reichskanzler damit verbrachten, ihm ihre speziellen wirtschaftlichen Interessen darzulegen. Für Politik blieb ihnen dann keine Zeit mehr, 1932.