Von Rino Sanders

Aber ich seh doch selbst, daß du ziemlich bedient bist. Das stimmt doch alles nicht mehr, was du hier siehst, das weißt du doch selber ..." sagt der Endzwanziger Vik in Seurens Roman "Das Gatter" zu seinem Freund, den er aus der Bundesrepublik nach Australien locken will. Und er fügt hinzu: "...diese Scheißer hier haben den längeren Atem als du." Doch der Freund will sich auf die illusorische Eskapade nicht einlassen; er hält sich bereit fürs fällige Appeasement. Beide schrauben ihre Jugenderwartungen zurück bis auf ein klagloses "... ich habe nicht mehr vor, als einigermaßen gut über die Runden zu kommen" – wie Vik sagt.

Dies und zumal den letzten Satz hätte auch Paasch sprechen können, ein Twen aus dem anderen Deutschland, aus der "Arbeiter- und Bauern-Republik", beflissener Cord-, Schirm- und später auch Bartträger, der nach einmaligem Durchfallen sein Zahnarzt-Examen besteht, das Mädchen Brigitte schwängert, es herkömmlichen Vorstellungen entsprechend ehelicht, Betriebsarzt auf dem Lande wird und sein Unbehagen in dieser Kultur auch weiterhin mit zwei Arzneien bekämpft: Jazz und Schnaps.

Nicht nur diese Vorliebe hat er mit seinem jüngeren Freund Arlecq gemein, sondern auch die jugendliche Sehnsucht nach einem Orplid, das zwar Züge des Goldenen Westens trägt, aber keineswegs mit ihm identisch ist, ein Land jedenfalls, wo die Verhältnisse nicht so sind. Paasch und Arlecq sind dahin unterwegs im ersten Roman von –

Fritz Rudolf Fries: "Der Weg nach Oobliadooh"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 336 S., 16,80 DM.

Der DDR-Autor entnahm seinen Titel einem West-Song: "I knew a wonderful princess in the land of Oobliadooh"; doch das Land mit dem lyrischen Namen ist geographisch nicht fixierbar; der Weg dorthin, so zeigt sich, führt schließlich zwanglos in eine Art innere Emigration, und die princess – ja, solche Prinzessinnen werden nicht schwanger, man weiß es, anders als Brigitte, als Anne, die Paasch und Arlecq im Alltag der "Arbeiterundbauernrepublik" (wie Fries sie schreibt) verankern.

"Hüben" und "drüben" oder, von Fries aus gesehen, vice versa: die Reserve, der Vorbehalt der besseren Twens gegenüber dem Staat der Väter. Diese kritische Distanz allerdings zu formulieren, abweichlerisches Anderssein kundzutun – dazu gehört in dem Staat, der Fries beherbergt, leider Mut. Während aber Seurens Roman auf den Grundton einer kühlen Trauer gestimmt ist, überwiegt in Fries’ Erstling ein leichtherziger, flotter, ja, frozzelnder Ton mit ironischen Unter- und Oberschwingungen. Was uns Suhrkamp da aus der DDR vorlegt, ist ein Schelmenroman.