Von Heinz Ohff

Der "Spiegel" hatte getan, was alle guten Journalisten tun sollten: Er hatte nachgerechnet. Der Bericht über den Kunstpreis der Jugend 1966 ("Contergan und Rilke" überschrieben) hob an: "Die Preisrichter tagten von neun Uhr früh, bis nachts halb eins. Dann hatten sie 1837 Bilder betrachtet und beurteilt – je zwei pro Minute."

Da ich einer der Preisrichter gewesen war, fühlte ich mich persönlich betroffen. "Resultat des Schnellverfahrens", las man weiter, "173 Gemälde wurden für die Ausstellung ‚Deutscher Kunstpreis der Jugend 1966‘ in der Baden-Badener Kunsthalle zugelassen; der Preis selbst, begehrt und umstritten wie keine zweite deutsche Kunstbelohnung, wurde dreigeteilt."

Etwas vornehmer zog wenig später Gottfried Sello in der "Zeit" die Preisrichter an den Ohren, als er befand, daß so etwas doch wohl "die Kräfte einer noch so kompetenten, aufmerksamen, um Objektivität bemühten Jury übersteigen" müßte.

Nun gehört die Teilnahme an Jurys für Kunstpreise und die zumeist mit ihnen verbundenen Ausstellungen schon beinahe zum Alltag eines jeden, der aktiv oder theoretisch, als Maler, Bildhauer, Kunsthistoriker, Museumsmann oder Kritiker am sogenannten Kunstleben teilhat. Ein freilich exorbitantes Beispiel gab mein Baden-Badener Kollege Dr. Harald Szemann von der Basler Kunsthalle, der in der Woche vorher, wie er seufzend kundtat, allein an drei Preisgerichten hatte teilnehmen müssen (an einem allerdings nur spaßeshalber, es handelte sich um eine Schönheitskonkurrenz, wobei ein Kunstsachverständiger wohl auch nützlich sein kann).

Dreimal pro Woche kommt selten vor – dreimal im Jahr schon eher, man wird trotzdem den meisten Juroren all der vielen Kunst-Preisgerichte, die da stattfinden, ein gerüttelt Maß an Erfahrung und Routine zugestehen müssen. Aber kann einer deshalb alle zwei Minuten ein Kunstwerk betrachten und sechzehn Stunden lang darüber urteilen, ob es eines ist? Er kann es nicht. Ich hatte, anscheinend, dennoch solchen Frevel begangen.

Meine erste flüchtige Nachrechnung – Redakteure verrechnen sich gern zu ihren Gunsten – erbrachte sogar ein noch ungünstigeres Ergebnis. Was der "Spiegel" nicht wissen konnte: wir hatten uns eine dreiviertel Stunde Mittagspause gegönnt, abends gab es dafür aber auch nur Würstchen aus der Faust während des Jurierens. Die Sache wird immer schlimmer.