Ich bin weder Arzt noch Journalist, sondern Chemiker. Ich habe dienstlich mit diesen Dingen nichts zu tun, schreibe vielmehr diese Zeilen aus Sorge und bitte, sie als Anregung aufzufassen.

Spricht man über die Luftverunreinigung durch Kraftfahrzeuge, so ist meist der Ausstoß von Kohlenmonoxyd, Kohlenwasserstoffen und deren Oxydationsprodukten gemeint. Die Entgiftung oder Filterung des Auspuffgases gilt der Senkung der Konzentrationen dieser Stoffe.

Ich möchte aber die Aufmerksamkeit auf den Blei-Ausstoß der Otto-Motoren gelenkt wissen, der in seiner Bedeutung in der öffentlichen Diskussion offensichtlich unterschätzt wird. Fragt man Autofahrer, wieviel Milligramm oder Gramm Blei wohl in einer Tankfüllung (40 1) Benzin enthalten seien, so erhält man gewöhnlich zu niedrige Angaben. Es handelt sich um etwa 18 Gramm Blei! Entgegen verbreiteter Ansicht enthält weder ARAL-Benzin noch Normalbenzin anderer Provenienz im Mittel weniger. 0,635 Gramm Bleigehalt pro Liter ist die erlaubte Höchstgrenze für Fahrbenzin. Bleifreie Ottokraftstoffe werden nicht mehr angeboten. Die Masse des Benzins dürfte 0,4 bis 0,5 Gramm Blei pro Liter enthalten.

Ein Privatfahrer, der 15 000 km im Jahr fährt, befördert jährlich etwa 700 Gramm Blei in die Atmosphäre. 1965 wurden in der Bundesrepublik einschließlich Westberlin 10,3 Millionen Tonnen Vergaserkraftstoffe verbraucht. Diese Benzinmenge dürfte etwa 6000 Tonnen Blei enthalten haben.

Blei wird in Form des Stoffes Bleitetraäthyl dem Kraftstoff zugesetzt, um seine Klopffestigkeit zu erhöhen. Je klopffester der Kraftstoff ist, desto höher kann das Verdichtungsverhältnis des Motors sein. Das Verdichtungsverhältnis bestimmt sehr wesentlich mit, welcher Anteil der Reaktionsenergie der Benzinverbrennung mechanisch nutzbar ist. Es gibt andere Stoffe, die ebenfalls die Klopffestigkeit von Kraftstoff erhöhen, jedoch ist Bleitetraäthyl der bei weitem wirksamste. Aber dem Vorzug der eminenten wirtschaftlichen Bedeutung des Bleizusatzes steht eine beträchtliche Gefahr für die Gesundheit aller gegenüber.

Die Antiklopfwirkung eines Zusatzes von Bleitetraäthyl zu Ottokraftstoff wurde Ende 1921 von Kettering und Midgley in der Firma General Motors entdeckt. Anfang 1923 fuhr das erste Versuchsfahrzeug mit verbleitem Benzin. Im Jahre 1956 wurden in den USA bereits 300 000 Tonnen Blei zur Bleitetraäthyl-Herstellung verwendet.

Damit diese Bleimengen nicht im Verbrennungsraum oder im Auspufftopf bleiben, werden dem Benzin weitere Stoffe zugesetzt, die das Blei nach der Verbrennung im Zylinder in flüchtige Verbindungen überführen. Sie sorgen dafür, daß das Blei gasförmig durch den Auspuff entweicht. Gewaschenes Gras, das zur Bleibestimmung verascht wurde, enthielt um so mehr Blei, je näher es an einer Straße gewachsen war: Die Asche von Gras, das 150 Meter von dieser Straße entfernt gewachsen war, enthielt nur 0,05 Promille Blei. Damit ist sicher, daß Kraftstoff-Blei auch über Gemüse und Milch in den menschlichen Körper gelangt. Alle Bleiverbindungen sind giftig, und bei langdauernder Einverleibung von Blei tritt eine chronische Bleivergiftung auf.