Bonn, im November

Der Kampf um die Kanzlernachfolge war für die Union zur Zerreißprobe geworden. Sie konnte der Entscheidung nicht länger ausweichen, wenn sie nicht sich und vielleicht sogar den Staat in Gefahr bringen wollte. Das wurde ihr spätestens am Dienstag bei der Bundestagsdebatte über den SPD-Antrag, Erhard zur Vertrauensfrage zu drängen, mit aller Härte zum Bewußtsein gebracht. Der unerwartet hohe Wahlerfolg der NPD in Hessen gab der Parlamentsdebatte einen düsteren Hintergrund. Die FDP, nach einer fünfstündigen Nachtsitzung geschlossen wie nur selten, stand an der Seite der SPD. Das hatte die CDU/CSU nicht erwartet, ja, kaum für möglich gehalten. Wollte ihr der Koalitionspartner von gestern damit bedeuten, daß er sich morgen auch anders entscheiden könnte?

Herbert Wehner warnte und lockte. Wie Positionslichter steckte er die wohlabgewogenen Worte seiner Rede ab. Wenn die Union Neuwahlen durchaus nicht wolle, dann müsse sie eben im Bundestag, wie er nun einmal sei, eine parlamentarische Mehrheit suchen. War das ein Angebot? Warum nannte Wehner die Abgeordneten mit Namen, an deren Verständnis und Verantwortungsgefühl er besonders appellierte, Krone, Heck, Lücke, Jaeger, Schmücker, Barzel? Sind es nicht gerade solche, mit denen sich die SPD leichter als mit anderen verständigen zu können glaubt?

Am Dienstagnachmittag trat der aus etwa 60 Personen bestehende Bundesvorstand der CDU im Palais Schaumburg unter Vorsitz Erhards zusammen. Wer sollte Kanzler werden, und mit wem sollte die Union über eine Koalition verhandeln? Mit der FDP oder mit der SPD? Der Bundesvorstand entschied sich – wie schon vorher die Bundestagsfraktion – für beides, ließ also die Frage weiter in der Schwebe. Er hatte sie auch jetzt noch nicht beantworten können. Die Vorgänge der letzten Tage, das Verhalten der FDP gerade an diesem Dienstag bei der Bundestagsdebatte hatten die Befürworter einer Großen Koalition in der Union gestärkt. Aber dennoch wurde diese Gruppe nicht größer als die der Anhänger einer Kleinen Koalition.

Der Bundesvorstand zog die personelle Frage vor. Von den fünf bisher immer wieder genannten Kandidaten ließ er nur einen weg: Lücke. Die vier anderen benannte er der Bundestagsfraktion als Kanzlerkandidaten: Barzel, Gerstenmaier, Kiesinger, Schröder. Er nannte sie in alphabetischer Reihenfolge, um nicht den Eindruck einer Rangbewertung aufkommen zu lassen.

Gerstenmaier hatte eben erst einen Rückschlag erlitten. Eine schroffe Zurechtweisung des CDU-Abgeordneten Blank in der Bundestagssitzung am Vormittag reizte den Ärger derer, die Gerstenmaier in der Fraktion ohnehin nicht allzu, freundlich gesinnt sind. Dazu kam noch der Verdruß mancher Fraktionskollegen über Gerstenmaiers nicht ganz geklärte Absprache mit Willy Brandt.

Barzel muß nicht nur mit dem Widerstand Erhards rechnen. Zu deutlich sind seit einiger Zeit seine persönlichen Absichten, die er mit der Aktion gegen Erhard verfolgte, erkennbar geworden. Hätte er nur aus sachlichen Gründen auf Erhards Rücktritt hingewirkt, dann hätte er seine eigene Position in der Partei und in der Fraktion gestärkt. Aber ausschließlich sachliche Motive hätte man ihm nur dann geglaubt, wenn er etwa wie Dufhues von vornherein zu erkennen gegeben hätte, daß er bei dieser Aktion keine persönlichen Ambitionen habe.