Von Ernst Stein

Die neunziger Jahre haben, als sie unter etwas Pech und Schwefel dahingegangen waren, keinen guten Eindruck hinterlassen, jedenfalls keinen tiefen. Allerdings wurden sie in Deutschland sozusagen aus zweiter Hand erlebt, in den geistigen Spuren Frankreichs und Englands; übrigens gilt das sogar von ihrer flüchtigen Wiederkehr, der augenblicklichen Tändelei mit der Art Nouveau. Das Jahrzehnt, das sich nicht genug darin tun konnte, sich als Dekadenz und Ein de Siècle zu sehen, hatte sich seine eigene Zeitspanne zum Losungswort genommen und verging darum mit ihr. Vereins als Ende eines Jahrhunderts blieb als Beginn der Moderne.

In England hat sich das Bild der Dekade in faszinierenden Konturen erhalten, nicht zuletzt, weil sie nicht, wie auf dem Kontinent, als die Zeit Oscar Wildes – der ihr ohne den Skandal und die Tragödie seines Lebens niemals seinen Namen hätte leihen können – betrachtet wird, sondern als die Zeit, die auf nicht mehr als fünf Arbeitsjahre bemessene Zeit des viel bewunderten Zeichners Aubrey Beardsley.

Wilde war nur einer von den vielen Könnern der Epoche; einer von den Routiniers, und nicht einmal der geschickteste, die ein Zugstück nach dem andern aus dem Ärmel schüttelten; einer von den Causeuren, wenngleich der hinreißendste, die jede Geschichte unwiderstehlich hinzuschreiben oder vorzutragen verstanden. Beardsley war von einer fluchbeladenen Einmaligkeit.

Wohl entsprach es durchaus dem eklektischen Geschmack der Zeit, wenn Beardsley sich Motive aus dem Rokoko, dem japanischen Farbenholzschnitt, dem Präraffaelismus holte. Aber er stieß ihn zynisch vor den Kopf, indem er sie – unnachahmlich – auf ein paar zweideutige Linien in Schwarz und Weiß reduzierte, deren sinnliche Erregtheit den Betrachter anspringt. Es war mehr als die ästhetische Verspieltheit des Zeitalters, wenn er sich in der verruchten Ornamentik seiner Attrappen austobte, weit mehr und weit bedenklicher.

Seine Plakate und Theaterzettel, Einbandzeichnungen, Menüs und Karten, die den neunziger Jahren ihren Stil gegeben haben, sensationeller als Toulouse-Lautrec seine epochemachenden Zeichnungen für die Zeitschriften The Yellow Book und The Savoy; seine Buchillustrationen und verdächtigen Vignetten, bis zu den unverblümten Pornographien – aus allen spricht mehr als Verfall, Verworfenheit, fieberndes Einverständnis mit jeder Ausschweifung, jeder Grausamkeit. Von seinem ganzen Oeuvre geht etwas so abgründig Böses aus, nicht dämonisch, sondern menschlich Böses, aus der Mördergrube eines Herzens, daß selbst seine aus lauter Schnörkeln geklöppelten Kostüme und Draperien, Möbel und Kandelaber, Atlasschleifen, Straußenfedern und Pfauenräder, Früchte und Blumen zu unheimlichen Symbolen werden. Unheimlich wie er selbst auf einem Bild aus seinen letzten Jahren – sein ganzes Leben bestand aus letzten Jahren; er starb als Sechsundzwanzigjähriger an der Tuberkulose –: ein Elegant mit Fledermausohren, das brütende Gesicht, scharf wie ein Beil, auf die exquisiten Würgerhände gestützt; Profil und Haltung eines gotischen Wasserspeiers von Notre Dame, aber bedrohlicher als die Teufelsfratze.

Ein Abglanz dieser zeitbedingten, zeitlos bestrickenden Kunst fällt auch auf