"Das Spiegelkabinett", englische und französische Erzählungen des Ein de Siècle, herausgegeben von Wolfgang Pehnt, mit Illustrationen und Buchschmuck von Aubrey Beardsley; Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 304 S., 19,80 DM,

das sieben Engländer und zehn Franzosen versammelt, von ihrem Zeitgenossen Beardsley zeichnerisch begleitet.

Der okkulte Einschlag in diesen Erzählungen, und damit in dieser Auswahl, gehört zum Syndrom der neunziger Jahre, namentlich in Frankreich. Im England vor der Jahrhundertwende war es eine kleine Schar, zu der auch der große Dichter Yeats gehörte, die mit mystischen Übungen und spiritistischer Vereinsmeierei experimentierte; ansonsten behalf sich die morbide Blasiertheit mit ein wenig Opium und viel Alkohol, um der Häßlichkeit des Alltags zu entgehen. In Frankreich dagegen überließen sich weite Kreise, um dem ennui zu entfliehen, mit haarsträubendem Ernst dem Okkultismus und dem Satanismus, den Schwarzen Messen und ähnlichem finsteren Unfug. Es gab noch nicht die Schwarze Magie der Psychoanalyse.

Durchaus vertretbar ist es, daß fast nur spannende Novellen ausgewählt wurden, wie die Zeit es nannte, die von einer Geschichte vor allem verlangte, daß sie dramatisch aufgebaut sei bis zum effektvollen Schluß (auch wir verlangen es noch, nur geben wir es nicht mehr zu). Die Pointe brauchte nicht unbedingt überzeugend zu sein, oft war sie es auch nicht, aber die Erzählung mußte zwingend zu ihr hinführen. Man kann das überholt finden, aber man wird nicht umhin können, es spannend zu finden. Auch dieser Reigen unseliger Geister, diese Doppelgänger und Revenants, makabren Masken und Spiegelbilder verlorener Identität sind auf der Suche nach der Wirklichkeit, die wir noch immer nicht gefunden haben.

Mit leichter Persiflage setzt der Band ein, mit einer brillanten Kurzgeschichte von Oscar Wilde, der novellistischen Verarbeitung eines Aphorismus, der sich nicht weniger als dreimal in seinen Werken findet: "Die Frauen sind Sphinxe ohne Rätsel." Übrigens waren Wilde und Beardsley keineswegs Freunde, wie es immer heißt, sondern konnten einander nicht leiden, zeigten es aber nur in weltmännischen Bosheiten, wenngleich Beardsley seine Karikaturen des Dichters sogar in der Buchausgabe der "Salome" anbrachte.

Henry James kommt in der Geschichte einer Biographie, die ungeschrieben bleibt, weil der Tote sie verhindert, auf das Thema zurück, das er kurz vorher in den "Sündigen Engeln" klassisch gestaltet hatte: die Macht der Abgeschiedenen über die Lebenden. Die Beiträge der übrigen, halbverschollenen, englischen Autoren dieses Lesekabinetts beweisen, wie reich an Talenten dieses Jahrzehnt war, und wären ihrer nicht so viele gewesen, sie wären vielleicht nicht so schnell in Vergessenheit geraten.

Noch mehr gilt das für Frankreich, etwa für Anatole France, der die völlige Sonnenfinsternis seines Weltruhms nicht verdient hat, auch wenn er es sich dadurch mit seiner großen Erzählungskunst immer leichter und salongefälliger machte. Remy de Gourmont, seit T. S. Eliot überschätzt, ist mit einer auf elegische Musik gestimmten Totenreverie vertreten, kein Debussy, vielleicht Massenet; Marcel Prévost, wie zu erwarten, mit dem Brief einer Pariserin an einen jungen Gymnasiasten, einem hübschen Beispiel der Gattung, die man einmal amourös nannte; Léon Bloy mit einem Reißer; der widerwärtige Jean Lorriin, dessen lasterhafte Gestalt, wie von Felicien Rops gezeichnet, durch die Biographien vieler Zeitgenossen schleicht, mit einem vortrefflichen Masken-Totentanz; und der Belgier Georges Rodenbach wiederholt das Motiv seines einst berühmten Brügge-Romans (der auch als Oper vertont wurde): die tote Stadt, die entzweiend zwischen zwei Liebende tritt. Ein ausführliches und (namentlich über England) gut unterrichtendes Nachwort des Herausgebers hält die äußerst lesbare Auswahl beisammen.

Sie waren eine gesegnete Zeit der erzählenden Kunst, die neunziger Jahre, von einer beneidenswerten Fülle der Begabungen, wiewohl ihr Größter schon zu Beginn des Jahrzehnts im Irrenhaus starb, Maupassant, und ein junger Mann aus gutem Hause, mit mehr gesellschaftlichem als künstlerischem Ehrgeiz, noch seine ersten dilettantischen Skizzen über feine Leute schrieb, Marcel Proust.