Von Ferdinand Ranft

Jener Auslandsreferent des Verbandes Deutscher Studentenschaften‚ der sich rühmte, innerhalb seiner zweijährigen Amtszeit 46 Länder "geschafft" zu haben, ist gewiß eine Ausnahme. Aber es gibt viele junge Leute, Jugendleiter und Jugendgruppen, die in den letzten Jahren mit erheblichen Zuschüssen aus öffentlichen Mitteln ausgedehnte Auslandsreisen unternommen haben. Der jährliche Zuschuß in die Reisekassen junger Leute beträgt weit über 30 Millionen Mark. Den größten Posten davon stellt das Deutsch-Französische Jugendwerk. Es kann jedes Jahr 20 Millionen Mark ausgeben. Dabei sind die verschiedenen Austauschprogramme von höchst unterschiedlicher Qualität. Wenn ein paar hundert Schüler aus Deutschland und Frankreich einen Tag lang auf einem Dampfer den Rhein herauf und hinunter fahren, dann fragt man sich, welcher Beitrag dabei für die deutsch – französische Verständigung geleistet wurde und warum eine solche Fahrt aus Steuergeldern finanziert werden mußte. Eine Befragung junger Leute ergab, daß auch von den ewigen Diskussionen nach Kursusplan, wie sie in einigen Jugendbegegnungsstätten üblich sind, nicht viel zu halten ist. Bei manchen Unternehmungen mag zwar viel guter Wille im Spiel sein, aber sinnvoll ist es sicher nicht, junge Franzosen bei einer Kulturreise fünf Tage lang von früh bis spät durch rheinische Museen zu treiben. "Ich kann nun bald kein Museum mehr sehen", war der Kommentar einer jungen Französin. Die jungen Leute – Deutsche wie Franzosen – suchen vor allem persönlichen Kontakt und sprachliche Weiterbildung, Bildung und Völkerverständigung müßten ihnen unmerklich vermittelt werden. Sicher nicht mit geballten Bildungsreisen und hochtönenden Worten.

Doch darf nicht unerwähnt bleiben, daß das Deutsch-Französische Jugendwerk in dieser Richtung Fortschritte gemacht hat. Das "Sprachförderungswerk" hat viel dazu beigetragen, erst einmal die Voraussetzungen für den persönlichen Kontakt zwischen jungen Menschen beider Völker zu schaffen. Der Austausch von jungen Berufstätigen – es sind immer noch viel zu wenige – vollzieht sich glücklicherweise ganz ohne "Programm". Zwanglos und unbeschwert lernen sich junge Franzosen und Deutsche bei gemeinsamen Sportkursen (Bergsteigen, Skilaufen, Höhlenforschung, Segeln, Reiten, Rudern, Segelfliegen) kennen. Die zehntägigen Seminare "Wir entdecken Frankreich" (oder Deutschland) können den Teilnehmeransturm nicht mehr bewältigen. Fazit: Für qualifizierte deutsch-französische Begegnungen gibt es zu wenig Plätze, notgedrungen fließt also der größte Teil der Mittel in unverbindliche Veranstaltungen.

Im Bundesjugendplan, den das Bundesministerium für Familie und Jugend verwaltet, finden sich weitere 8,6 Millionen Mark "für die Förderung der internationalen Jugendbegegnung und des Jugendaustausches". Der Katalog der förderungswürdigen Reisen ist weitgespannt: Begegnungen zwischen deutschen und ausländischen Jugendgruppen im In- und Ausland, Berlinfahrten, Jugendarbeitslager, Kriegsgräberbetreuung, internationale Tagungen und Kurse. "Erholungsreisen" – so heißt es in den Richtlinien – "werden nicht gefördert". Zuschüsse setzen voraus, daß die Begegnungen "gemeinschaftsbildenden Charakter" haben, "eine eingehende Beschäftigung mit internationalen Fragen" vorausgegangen ist und die Reise nach einem "Programm" durchgeführt wird. Da die staatlichen Zuwendungen auf umfangreichen Formularen gerechtfertigt werden müssen, es werden pro Teilnehmer je Tag bis zu drei Mark und Fahrtkostenzuschüsse bis zu 400 Mark gewährt, wird die Phantasie der Reiseleiter oft arg strapaziert. Doch wer wirft den ersten Stein auf diese jungen Leute, die bei ihren Auslandsreisen die Hand nach Staatsgeldern ausstrecken, wenn solche Rentnergesinnung gang und gäbe geworden ist.

In vielen Fällen ist es dem Kontakt mit jungen Ausländern freilich nur förderlich, wenn das "Programm" lediglich auf den Abrechnungsformularen erscheint. Schlimmer sind da schon die zahlreichen subventionierten Reisen von Delegationen und die vielen internationalen Treffen. Nach einem minuziös festgelegten Plan reisen "Jugendfachleute" aus aller Herren Ländern kreuz und quer durch die Bundesrepublik. Lustlose Referenten spulen ihr Sprüchlein herunter. Ähnliches widerfährt den deutschen Gruppen im Ausland. Allein 1,5 Millionen Mark werden jährlich für diesen Zweck ausgegeben.

Bleiben als Geldquellen für junge Reisende noch die Länder, Regierungsbezirke, Landkreise und Gemeinden. Allein in Nordrhein-Westfalen schätzt man die staatlichen Reisezuschüsse auf über 1,5 Millionen Mark, ein Ansatz von rund fünf Millionen aus dem oben genannten Topf für das Bundesgebiet dürfte eher noch zu niedrig liegen.

Ganz Findige kommen dabei zu interessanten gesamtdeutschen Kombinationen: Eine finnische Gruppe von zwölf Jugendexperten ließ sich zunächst von der DDR für einige Wochen einladen. Anschließend übernahmen westdeutsche Jugendexperten die Wanderer zwischen den beiden Welten am Checkpoint Charlie und demonstrierten drei Wochen lang westdeutsches Jugendleben.