Béla Bartók: "Violinkonzert Nr. 1" und Paul Hindemith; "Violinkonzert"; David Oistrach, Großes Rundfunk-Sinfonieorchester der UdSSR, Staatliches Sinfonieorchester der UdSSR, Leitung: Gennadi Roshdestwensky; Melodia eurodisc 74 493 KK, 21,– DM

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg vertrat der Name Paul Hindemith die musikalische Modernität schlechthin. In dem von brauner Propaganda bis dahin bearbeiteten deutschen Gedächtnis war nicht registriert worden, daß just um die Zeit, als Hindemith Deutschland verlassen mußte, also 1934, seine Musik ihren revolutionären Duktus verlor, konzilianter wurde: Das 1939 geschriebene Violinkonzert verzichtet auf die früheren Provokationen durch krause Harmonik und freche Instrumentation, es ist für ein vornehmlich lyrisches Soloinstrument geschrieben.

Bei Béla Bartók dagegen überwiegen die lyrischen Qualitäten in der Frühzeit. 1907 beschrieb der damals Sechsundzwanzigjährige seine Gefühle für die ungarische Geigerin Stell Geyer in einem außerordentlich zarten Satz seines ersten Violinkonzertes – daß die Künstlerin auch kratzbürstig gewesen sein muß, darf man dem anderen Satz dieses von der Künstlerin wegen der biographischen Züge bis zu beider Tod geheimgehaltenen Konzertes entnehmen.

Vergleicht man die vorliegende Aufnahme von David Oistrach, dem Vater also aus der Geigerfamilie, mit einer Interpretation durch den Amerikaner Isaac Stern, wird einem erst bewußt, welches Tonvolumen Geigenspiel haben kann, um trotzdem noch lyrisch genannt zu werden. Oistrach läßt die "unendliche Melodie" zu Beginn des Bartok-Konzertes gewaltig sich entfalten und fängt sie durch Nuancen immer wieder ab. Er demonstriert technische Meisterschaft in dem Hindemith-Konzert, ohne virtuos zu blenden. Alle technischen Spielereien beider Kompositionen – die sicherlich nicht zu den bedeutendsten Werken der Gattung zählen – werden enttechnisiert von Oistrachs Musikalität. Es assistierten dem Solisten dabei zwei der Spitzenorchester Rußlands.

Heinz Josef Herbort