München, im November

Am 20. November, wenn in Bayern der neue Landtag gewählt wird, geht es nicht nur um eine neue Landesregierung. Was in Bonn gesehenen soll, steht an diesem Tag zur Wahl. Fünf Parteien (CSU, SPD, FDP, Bayernpartei und NPD), die sich den Wählern präsentieren, hatten sich auf einen Wahlkampf um die Landespolitik vorbereitet, doch die Bonner Krise verdarb ihnen das Konzept. Wie nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren machte sich die CSU daran, prominente – aber inzwischen angeschlagene – CDU-Redner wieder auszuladen, während die SPD sich darauf einstellte, ihre Bundesprominenz konzentriert in Bayern einzusetzen.

Sollte die CSU ihre absolute Landtagsmehrheit verlieren (mit nur 47 Prozent der Stimmen eine Mehrheit der Sitze), dann wird sie in Bonn Mühe haben, das zu halten, was sie ihren bayerischen Wählern jetzt noch verspricht: "Wählt CSU, macht Bayern stark. Dann kann es auch im Bund für Ordnung sorgen." Bleibt ihre absolute Mehrheit erhalten, dann werden die Bonner Auguren ihr Augenmerk mehr denn je auf München richten müssen.

Die CSU glaubte noch Anfang Oktober, die absolute Mehrheit mit Sicherheit wieder zu erreichen. Die SPD meinte, sie könne mit einem Trend rechnen, der sie nach und nach der CSU näher bringen würde. Denn während die CSU für die Bundestagswahlen stets mehr Wähler aktivierte als bei Landtagswahlen, geht es der SPD umgekehrt.

Die CSU hat Mühe, den stetigen Zuwachs der SPD zu bremsen. Weder die Betonung bayerischer Eigenständigkeit noch das konkurrenzlose Vaterbild ihres Ministerpräsidenten Alfons Goppel kann die CSU daran hindern, bei Wahlversammlungen festzustellen, daß die Christsozialen in Bonn immer noch in der Verantwortung stehen und in Bayern an der Macht bleiben wollen: "Für Stabilität in Bayern: Alfons Goppel – Für Ordnung in Bonn: Franz Josef Strauß." Der SPD kommt solche Doppelgleisigkeit in der Propaganda zugute. Sie nutzt die Bonner Malaise aus, für das sie auch die CSU verantwortlich macht, und wirft der Strauß-Partei gleichzeitig vor, selbst in Bayern die Hände in den Schoß gelegt zu haben. Unterdessen glaubt sogar die CSU, daß sie Stimmen verlieren wird. Generalsekretär Anton Jaumann räumte ein: "Wir wollen nur so stark werden, daß die anderen ohne uns nicht regieren können."

Die bayerische FDP ist, schon bevor gewählt wird, in das Kalkül der beiden großen Parteien einbezogen worden. In sich gespalten, in einen rechten und einen linksliberalen Flügel, muß sie darum kämpfen, in einem der sieben bayerischen Regierungsbezirke mehr als zehn Prozent zu bekommen. So bestimmt es das Wahlgesetz. Die Ergebnisse der letzten Wahlen zeigen aber, daß sie nur in dem Bezirk Mittelfranken eine Chance hat, diese Hürde zu nehmen. Hier hat Thomas Dehler einst die bayerische FDP gegründet, hier konnte aber auch die NPD an Boden gewinnen. Bei einem Durchschnitt von 2,7 Prozent während der letzten Bundestagswahl erreichten die Nationaldemokraten in Mittelfranken mit 4,6 Prozent die höchste Quote. Bei den Kommunalwahlen im März dieses Jahres machten sie weitere Gewinne: die fränkischen 4,6 Prozent wurden ihr Bayern-Durchschnitt.

Die Wahlentscheidung fällt also in Mittelfranken, hier wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben. Die NPD kann die FDP (11,2 Prozent) in Bedrängnis bringen. Sie muß ihr nur 1,2 Prozent abjagen – dann kommt keiner von beiden in den Landtag. Das ist das Ziel der Nationaldemokraten. Ihr Los wird aller Voraussicht nach auch die Bayernpartei teilen, die kaum damit rechnen kann, in das Maximilianeum zurückzukehren. Ob ihr die Wirtschaftsmisere, die sich auch in ihrer niederbayerischen Domäne bemerkbar macht, noch einmal, auf die Sprünge helfen kann, ist ebenso zweifelhaft wie bei der FDP der Versuch, sich mit dem erfolgreichen Volksbegehren zu dem umstrittenen CSU-Volksschulgesetz zu behaupten.