Der Trainer von Inter Mailand, Herrera, von Italiens Fußballvolk "il mago", der Zauberer genannt, soll von einem Berufsmagier aus Neapel entzaubert werden. Die nüchternen Mailänder schmunzeln zwar über die mittelalterlichen Methoden, mit denen ihnen die Neapolitaner den Siegeszug ihrer Weltklasse-Elf stoppen wollen; aber ganz wohl fühlen sie sich doch nicht in ihrer Fußballhaut. Ein wenig abergläubig sind halt auch Italiens aufgeklärte "Nordländer".

Neapels Fußballfanatiker schwören jedenfalls auf ihre Geheimwaffe, Don Ciccillo, den Mann mit dem bösen Blick. Am Freitag, pünktlich um 11.30 Uhr, bestieg der mysteriöse Don Ciccillo (sprich Don Tschischillo) unter großer Anteilnahme der Bevölkerung den Rapido nach Mailand. Vertrauenerweckend schaut er ja nicht aus, der Mann, der von Berufs wegen den bösen Blick ausübt. Hager, bleich, mit einem glatten, kurz gestutzten Schnurrbart und schwarz, ganz in Schwarz. Schwarzer Anzug, schwarze Gamaschen auf schwarzen Schnabelschuhen und lange schwarze Lederhandschuhe. Der breitkrempige grüne Hut macht aus ihm auch keinen Grünen Heinrich. Selbst vielen Anhängern von Il Napoli, Neapels Fußballmannschaft, schien ihr "anti-mago", ihr Anti-Herrera nicht ganz geheuer. Man sah auffallend viele verdächtige Handbewegungen, die man unschwer als mehr oder weniger korrekte Kreuzzeichen deuten konnte. Einige murmelten auch beschwörende Gebetsformeln. Sicher ist sicher.

Bei der Abfahrt des Zuges zeigt sich Don Ciccillo noch einmal in seiner ganzen skurrilen Pracht im Fenster. Verständnisvoll trägt er nun eine dunkle Sonnenbrille, die einen fahlen Schatten auf sein schwindsüchtiges Asketengesicht wirft. Hastig striegelt er den Schnurrbart. Dann breitet er weit die Arme aus, als wolle er zum Segen urbis et orbis ansetzen. Aber dazu kommt er nicht mehr. Der Rapido rast schon in Richtung Mailand. Dort wird Don Ciccillo, auf deutsch Herr Franzl, jeden Sonntag den Spielen Inter Mailands beiwohnen und für gutes Geld seinen bösen Blick über den grünen Rasen schweifen lassen, um Mailands Wunderkicker für den Rest der Saison aus dem Tritt zu bringen. Inter ist nämlich Neapels einziger ernsthafter Rivale bei der Meisterschaft und Tabellenerster. II Napoli folgt dicht dahinter an zweiter Stelle.

Don Ciccillo ist seiner Sache völlig sicher. "Ich werde meinen Auftrag ausführen", verkündete er selbstbewußt. Er hat sich für seine Mission aber auch bestens vorbereitet. In seinem Reisegepäck befinden sich: Ein Traktatus über den bösen Blick aus dem 18. Jahrhundert, ein Weihrauchschwenker, diverse Brillen ohne Gläser und ... die Lebensläufe aller Inter-Spieler. Einige hundert Visitenkarten hat er ebenfalls schon für die nächsten Monate drucken lassen: "Don Ciccillo, Reisender in Sachen böser Blick." Und als Anschrift: "Zur Zeit Inter, Stockwerk Tormann bis Linksaußen."

Am Sonntag, beim Spiel Inter gegen Brescia, blickte Don Ciccillo noch nicht böse. Er wollte Mailands Nationalspieler nicht verhexen, weil am 1. November doch das Länderspiel Italien gegen Rußland stattfand, das die Italiener inzwischen 1 : 0 gewannen. Patriotisch erklärte der "böse Blick": "Die Nationalmannschaft gehört uns allen. Also muß ich sie auch unter meinen Schutz nehmen."

Don Ciccillo hat zur Bestürzung der Mailänder Fußballbevölkerung übrigens schon einige Proben seiner magischen Macht gegeben. Torjäger Vinicio erlitt beim Training einen Muskelriß. Sein Einsatz bleibt vorerst fraglich. Und Mailands "schwarze Perle", der Brasilianer Jair, bat seinen Trainer Herrera kurzfristig um Heimaturlaub. Diese ersten Erfolgsmeldungen beeindrucken den hageren Dunkelmann aus Napoli nicht. Er striegelt nur vielsagend seinen schwarzen Schnurrbart, greift wie zufällig an seine schwarze Sonnenbrille, rückt sie zurecht und nimmt sie zur Enttäuschung – oder zur Erleichterung? – der Neugierigen nicht ab. Don Ciccillo schont seine gewinnbringenden Augen. Norbert Koch