Ein faschistischer Autor von Rang? – Seite 1

Von Hanns Grössel

Daß es eine Literatur französischer Kollaborateure und Faschisten gibt, war bisher zwar nicht unbekannt, ist aber kaum Kenntnis genommen worden. So sind bei uns Vor Jahren schon die Romane Robert Brasillachs herausgekommen, der von 1937 bis 1943 Chefredakteur der deutschfreundlichen Wochenzeitschrift Je suis partout war und Anfang 1945 hingerichtet worden ist. Freilich waren das unpolitische Bücher, deren deutsche Ausgabe zudem ohne ausdrücklichen Hinweis auf die kollaborationistische Tätigkeit ihres Verfassers angekündigt wurde.

In der Buchwerbung erschien ein solcher Hinweis erstmals 1964, als der Verlag Langen Müller Lucien Rebatets Roman "Les deux étendards" (Weder Gott noch Teufel) in deutscher Übersetzung veröffentlichte. Obwohl auch dieses Werk – ein breit angelegter Zeit- und Entwicklungsroman, der in den zwanziger Jahren spielt – sich nicht als politisch bezeichnen läßt, hätte die faschistische Vergangenheit des Autors Diskussionen auslösen können: Rebatet, Verfasser antisemitischer Pamphlete und ebenfalls ehemaliger Mitarbeiter von Je suis partout, war 1945 zum Tode verurteilt, später jedoch begnadigt worden. Seinen Roman hat er zu großen Teilen im Zuchthaus geschrieben. Doch das Buch fand wenig Beachtung, die Kontroverse blieb aus.

Damals lag noch nicht Walter Heists Aufsatzsammlung "Genet und andere" vor – der Versuch, im Werk so verschiedenartiger Schriftsteller wie Bernanos und Bloy, Montherlant und Céline, Genet, Camus und Sartre einen "Faschismus der Nichtfaschisten", das heißt faschistoide Züge nachzuweisen, die diesen und anderen Autoren als Reaktion ihrer Zeitgenossenschaft mit der faschistischen Epoche Europas unterlaufen seien.

Die Fragestellung war beachtenswert, das Ergebnis unbefriedigend – unbefriedigend vor allem deshalb, weil Heist keine zureichende Definition des Faschismus und keine festen literarischen Kriterien für ihn gab. In einer Besprechung des Buches hat denn auch François Bondy diese Problematik aufgezeigt und die Frage gestellt, wie viele Faktoren zusammenkommen müßten, "damit wir eindeutig ein faschistisches Syndrom diagnostizieren können".

Robert Brasillach und Lucien Rebatet werden von Heist, seinem Vorsatz gemäß, nicht behandelt, auch nicht der Autor, von dem jetzt ein erstes Buch auf deutsch erschienen ist –

Pierre Drieu La Rochelle: "Die Unzulänglichen" (Originaltitel: "Gilles"), Roman, mit einem Essay von Pierre Andreu, aus dem Französischen von Gerhard Heller; Propyläen Verlag, Berlin; 502 S., 25,– DM.

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Dennoch ist der Untertitel, den Heist seinen Aufsätzen gegeben hat – "Exkurse über eine faschistische Literatur von Rang" – als Formel rasch in die kritischen Bemühungen um Drieu La Rochelles Roman eingedrungen. Die zweifelnde Frage, die diese Formel einschließt ob nämlich. Literatur, wenn sie faschistisch sei, noch Rang haben könne –, ist im Zusammenhang mit ihm nicht gestellt worden und berührt wohl auch keine wirkliche Antinomie. Zu fragen ist, was "Die Unzulänglichen" mit Faschismus zu tun haben und ob es ein bedeutendes Buch ist.

In Frankreich ist der Roman Ende 1939 erschienen. Pierre Drieu La Rochelle, damals fünfundvierzig Jahre alt, war normannischer Herkunft, wurde aber in Paris geboren und studierte nach seiner Schulzeit drei Jahre lang politische Wissenschaften an der Ecole des Sciences politiques. Die Abschlußprüfung bestand er nicht und mußte auf die vorgesehene diplomatische Laufbahn verzichten. 1914 wurde er eingezogen und in den folgenden Kriegsjahren dreimal verwundet, zuletzt 1916 vor Verdun.

1917 veröffentlichte er sein erstes Buch, einen Gedichtband, und während der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, in denen weitere Bücher von ihm erschienen, verkehrte er mit den Dadaisten, dann mit den Surrealisten, von denen er sich aber bald lossagte, "Ich hoffte", so schrieb er an Breton und seine Jünger, "sie seien mehr als nur Literaten, nämlich Männer, für die Schreiben eine Tat und jede Tat Heilssuche ist."

Die Enttäuschung, die sich hier äußert, war nicht die eines jungen Schriftstellers, dem seine Idole fragwürdig werden – es war die Enttäuschung eines Mannes, der sich unter dem Eindruck des Kriegserlebnisses einen hohen Begriff von Solidarität und gemeinsamer Aktion gebildet hatte und im Frankreich der Nachkriegszeit Gleichgesinnte suchte. Diese Suche brachte ihn später in vorübergehende Berührung mit verschiedenen Parteien, links- wie rechtsgerichteten. Doch ob es die Front commun Gaston Bergerys oder Pierre Dominiques radikalsozialistische Partei war sie entsprachen nicht seinen Erwartungen. 1936 glaubte er endlich, in der Parti populaire français Jacques Doriots eine für Frankreich zukunftsreiche Synthese der Extreme gefunden zu haben, Zwei Jahre war er Anhänger Doriots und schrieb regelmäßig in dessen Wochenzeitschrift, L’Emancipation nationale, bis er sich 1938 auch von ihm abwandte und beschloß, sich ganz aus der Politik zurückzuziehen.

Solche Erfahrungen, vermehrt um die Geschichte zweier geschiedener Ehen und anderer Liebesenttäuschungen, sind in "Die Unzulänglichen" eingegangen.

Über zwanzig Jahre erstrecken sich die vier Teile des Buches, 1917 kommt der junge Gilles Gambier auf Fronturlaub nach Paris, Vom Heißhunger nach Frauen getrieben, stürzt er sich in das Vergnügungsleben und knüpft daneben eine Beziehung zu Myriam Falkenberg an, einer jüdischen Bankierstochter. Sie ist reich. Gilles braucht Geld. Er heiratet sie, als er längst wieder neuen Eroberungen nachjagt.

Seine Verbindung mit der Familie Falkenberg verschafft Gilles Zutritt zu einflußreichen Kreisen. Ohne sich darum zu bemühen, bekommt er einen Posten im Presseamt des Außenminister riums, und der Gedanke, sich einer politischen Gruppe anzuschließen, streift ihn. Zunächst aber beobachtet er gesellschaftliche und politische Machtkämpfe und Intrigenspiele, und solche Einblicke nähren seine Überzeugung, daß Frankreich in Korruption und Verfall gesunken sei. Angeekelt nimmt er im Ministerium seinen Abschied und führt eine auch materiell ungewisse Existenz (denn, die Geldmittel, die er aus der inzwischen geschiedenen Ehe mit Myriam behalten hat, sind erschöpft). Er reist nach Algerien, lernt dort die Spanierin Pauline kennen und fährt mit ihr nach Paris zurück.

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Die Abkehr vom politischen Leben hat ihn auf sich selbst zurückverwiesen; er beginnt seinen Gedanken nachzuspüren, Klarheit in sie zu bringen: beginnt zu schreiben. Und da er zugleich einen Broterwerb braucht, gründet er eine Zeitschrift – Apocalypse – von der Pauline und er leidlich leben können. Sein Interesse an der Politik erwacht aufs neue, und frühere Freunde treten wieder in seinen Gesichtskreis; vor allem auf einen, Clérences, setzt er seine Hoffnung, sieht aber, daß auch er vom politischen Konformismus gelähmt ist. Und als am 6. Februar 1934, anläßlich des (historischen) sogenannten Stavisky-Skandals, rechts- wie linksradikale Aufständler blutig niedergeschlagen werden und an eine Vereinigung der gesamten revolutionären Kräfte nicht mehr zu denken ist, verläßt er Frankreich, Im spanischen Bürgerkrieg schlägt er sich auf die Seite Francos und kämpft für die Sache des Faschismus.

Ein Buch der Irrwege und Fehlschläge – und ein künstlerisch fehlgeschlagenes Buch. Nicht, weil es autobiographisch ist, sondern weil es nicht autobiographisch genug ist. Drieu La Rochelle wollte einen Entwicklungsroman und zugleich ein umfassendes Zeitgemälde geben, und er wußte (wie sein Nachwort ausweist), daß ein solches Vorhaben ihn dem Zwang zu künstlerischer Ausformung unterwarf.

Mit diesem Zwang war sein Bekenntnisdrang überfordert. Statt ihm aber nachzugeben und seinem Ich die löcherige Maske Gilles Gambiers entschlossen abzureißen, hat er stets ein Haarbreit an der Wirklichkeit entlanggeschrieben. Das führt zu schemenhaften Gestalten, deren reale Vorbilder dem Leser lieber wären, führt zu unklaren Bezügen und abgerissenen Schilderungen. Kein epischer Grundtakt macht das Maß der verrinnenden Zeit von zwanzig Jahren bewußt. Statt dessen herrscht ein Stakkato hektischer Fragen in erlebter Rede und bei der Nachzeichnung seelischer Bewegungen eine überlaute Rhetorik.

Wo politische Zeitgeschichte verschlüsselt wird, Parteiführer nicht bei ihrem tatsächlichen Namen genannt werden und Parteiziele unklar bleiben, sind solche Mängel besonders ärgerlich. Drieu La Rochelle beschreibt dergleichen, nach Maurice Nadeaus scharfem Urteil, "wie ein Mann aus der Provinz, der nur Parteizeitungen liest". Zumal der deutsche Leser, dem der Roman ja unvermeidlicherweise in historischer Perspektive erscheint, hätte sich von Strömungen und Tendenzen im damaligen Frankreich gern ein genaueres Bild gemacht.

Ein Zeitgemälde ist das Buch also nur der Intention nach. Einen Entwicklungsroman hingegen stellt es dar, vorausgesetzt, man unterlegt dem Wort Entwicklung nicht den Sinn eines zwar mühsamen, aber zielgerichteten Reifeprozesses. Denn was Gilles Gambier widerfährt, sind Wiederholungen eines und desselben Grunderlebnisses: des Zusammenpralls eines nicht nur wandlungsunfähigen sondern im Grunde auch wandlungsunwilligen Charakters mit Welt und Menschen.

Drieu La Rochelle hat diesen Charakter den Bedingtheiten von Herkunft und Erbmasse entziehen wollen und Gilles Gambier nur einen Pflegevater gegeben, den alten Carentan, der in einem normannischen Dorf wohnt und sich voll barscher Zvilisationsfeindlichkeit ausschließlich mit alten Religionen beschäftigt. Es ist die Gestalt eines natur- und mythennahen Weisen, der auch Gilles sein möchte, aber nicht werden kann.

Im Unterschied zu Carentan nämlich erträgt Gilles die Einsamkeit, zu der er verurteilt ist, nur zeitweise. Er kann sich nie ganz auf sich selbst stellen, sondern sucht ständig wieder nach einem Gegenüber, das ihn aufnimmt, und trägt: Frauen, Freunden, Gesinnungsgenossen, Doch ein eigenartiger Starrsinn hindert ihn daran, sich diesem jeweiligen Gegenüber anzupassen, es in seiner Besonderheit überhaupt wahrzunehmen. Was sich nicht im ersten Ansturm erschließt, läßt er fallen. "Die Brücken, die er in seinem Leben zu den Frauen, zur Tat geschlagen hatte, waren sinnlose Bogen gewesen, die ihre Pfeiler nicht fanden? – so lautet der Kommentar des Erzählers dazu.

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Diese Eingeschlossenheit seines Helden bringt Drieu La Rochelle auf verschiedene erklärende Formeln, unter anderen auf die, daß Gilles "vielleicht nicht zu diesem Jahrhundert" gehöre. Am häufigsten aber sind die Wendungen, in denen er von Gilles’ Todgeweihtheit spricht, etwa, daß er sich "auf die Seite des Todes" geschlagen habe, "von wo er gekommen war".

Für die Deutung des Romanschlusses bietet das einen Hinweis: Die Rückkehr des ehemaligen Kriegsteilnehmers in eine neue Kampfgemeinschaft ist ein Ausdruck der Verzweiflung. Sie entspringt dem trotzigen Entschluß zur Aktion um jeden Preis, und der Kampf auf faschistischer Seite ist für Gilles kein spätgefundenes Lebensziel, sondern ein Kampf auf längst verlorenem Posten,

Drieu La Rochelle jedenfalls wußte sehr bald, daß der Faschismus, wie er ihn in seiner 1934 erschienenen Schrift Socialisme fasciste bestimmt hatte, eine verlorene Position war. Als Vertrauensmann von Otto Abetz gab er von 1940 bis 1944 die Nouvelle Revue Française heraus – ein Kollaborateur der Tat, aber kein Kollaborateur aus Überzeugung, schon deshalb nicht, weil der Zusammenschluß gleichberechtigter Partner zu einem europäischen Staatenbund einer der Hauptpunkte seines faschistischen Programms war und dieser Punkt sich mit Hitlers nationalem Imperialismus nicht vereinbaren ließ. Nach dem Einmarsch der Amerikaner in Paris unternahm er zwei Selbstmordversuche; der dritte, am 15. März 1945, gelang.

Wie seine eindrucksvolle Lebensbeichte "Récit secret" bezeugt, verstand Drieu La Rochelle sich als Intellektuellen, der aus Verantwortungsgefühl und weil er "ein ganzer Mensch, nicht bloß ein Stubenhocker" sein wollte, in die Politik gegangen war.

Sein Roman ist eine Charakterstudie: Jählings entbrennender Tatendurst und hochmütige Lebensverachtung, kritische Intelligenz und Verschwärmtheit liegen in Gilles gefährlich nahe nebeneinander und machen ihn in hohem Grade durch Extreme verführbar. Er ist der Menschentyp, der für Faschismus anfällig ist. Aus "Die Unzulänglichen" lassen sich Erkenntnisse über ihn gewinnen.