"on merkwürdigen Vorgängen berichtete jüngst die "Neue Zürcher Zeitung": Einige Offiziere der Bundeswehr reisten "im Einvernehmen mit dem Bundesverteidigungsministerium" in die Schweiz den Alliierten wichtige militärische Informationen zugespielt hatten. Besorgt fragte die "Neue Zürcher Zeitung", ob etwa das Bekenntnis der Bundeswehr zur Tat des 20. Juli 1944 nur noch ein Lippenbekenntnis sei. Sollte der Widerstand gegen Hitler plötzlich nach Hochverrat (Prädikat: "vorbildlich") und Landesverrat (Prädikat "verwerflich") geschieden werden? Wie mögen jene Herren, die sich um die Traditionspflege der Bundeswehr sorgen, aufgeatmet haben, als vor einigen Wochen von der Deutschen. gar der Verräter beim Namen genannt wurde: Er entpuppte sich als ein "kleiner Mann", dem überdies von seinen Entdeckern bescheinigt wird, er sei kein Gesinnungstäter gewesen, sondern ein obskurer "Rückversicherer". Sein Hauptmotiv sei "wohl eigensüchtiges Interesse" gewesen, schrieb der Zeithistbriker Wilhelm Ritter von Schramm, "so daß er vor allem an seine eigene Position, an sein weiteres Fortkommen nach der Katastrophe gedacht hat " Da die Informationen dieses angeblichen Agenten besonders der sowjetischen Kriegsführung von Nutzen waren, scheint der Fall klar zu sein. Versehen mit den Etiketten "charakterlos" und "kommunistisch", hat dieser Rittmeister, der unter dem Decknamen "Werther" täglich Nachrichten aus dem Führerhauptquartier ins Ausland gefunkt haben soll, kein Anrecht mehr darauf, in der Ehrenhalle der deutschen Widerstandskämpfer seinen Platz zu behalten.

Erwähnen wir hier kurz einen anderen Fall: den des Obersten Hans Oster, jenes Mitarbeiters von Admiral Canaris, der im Frühjahr 1940 die neutralen Nachbarn Deutschlands vor Hitlers Überfall gewarnt hatte. In einem Buch, das Bundespräsident Heuss vor allem "den Erziehern der Soldaten", empfahl, wurde Osters Landesverrat noch 1960 wie folgt beurteilt: "Ein solches Verhalten im Kriege kann überhaupt nur dann vertretbar sein, wenn der Nachweis vorliegt, daß eine gemeine Gesinnung auszuschließen ist, daß kein persönlicher Vorteil und keine Spekulation auf spätere" persönliche Vorteile irgendeine Rolle gespielt haben können, daß der schwere Entschluß, nicht, aus- einer Affektstimmu ng, auch nicht aus der Haßgesinnung gegenüber dem Terrorsystem entsprungen ist, sondern aus einer strengen Prüfung im Gewissen All dies trifft auf Hans Oster zu, der höchstwahrscheinlich sogar mit Zustimmung des Generalobersten Beck gehandelt hat. Da Osters Informationen den Kriegslauf nicht beeinflußt haben — seine Warnungen wurden in Haag und in Oslo in den Wind geschlagen — hat kein deutscher Soldat seinetwegen sein Leben eingebüßt. In demselben Buch, für das Heuss ein Vorwort schrieb, steht auch: "Wenn selbst Zehntausende von Toten an der Westfront schon im Frühjahr 1940 die Aussichtslosigkeit des Weltkrieges auch einem großen Teil der Generalität klar gemacht hätten, dann wären Millionen von Toten (und Kriegsgefangenen) und die weitgehende Zerstörung des Reiches uns erspart geblieben " Heutzutage aber darf Winfried Martini (beinahe unangefochten) in der "Welt" schreiben: "Im Kriege vollends, als es um Leben und Tod ging, waren die Deutschen miteinander schicksalhaft auf das engste verbunden, gleichgültig, ob man den Krieg oder das Regime billigte oder nicht. Hier konnte der Landesverrat nichts Positives bewirken Und dann folgt der einzigartige Satz: "Auch dem kommunistischen Überjener "kleine Mann", der jetzt den Lesern von fünfzig deutschen Tageszeitungen als "Auge Moskaus in Hitlers Hauptquartier" präsentiert wurde. Er hätte also nach Martinis Ansicht nicht nur das Fallbeil verdient. Ihm wäre auch die menschliche Achtung versagt geblieben, die Martini den Mitgliedern der "Roten Kapelle" immerhin noch zugesteht. Denn über Scheidt hat schon vor Jahren ein anderer Schramm, der angesehene Göttinger Historiker Percy Ernst Schramm, geurteilt, er habe "während und nach dem Zusammenbruch" bewiesen, "daß er ein Mann ohne Charakter" sei.

Der Mann, über den der Stab gebrochen wird, kann sich nicht mehr wehren. Er ist 1954 gestorben. Keiner der prominenten Persönlichkeiten, die damals der Witwe ihr tief empfundenes Beileid aussprachen, hat es bisher für nötig gefunden, die Ehre des Toten vor verleumderischen Anwürfen und unbewiesenen Verdächtigungen zu schützen. Die Namen einiger jener Trauernden seien der Öffentlichkeit nicht länger vorenthalten: vielen Bonner Politikern und Journalisten, die mit am Grabe standen.

Wer war dieser Mann wirklich, dem Adolf Hitler am 28. August 1944 zum Geburtstag gratulierte, dem Generaloberst Beck wenige Tage vor dem 20. Juli ein Vermächtnis anheimgab, den Klaus von Stauffenberg seinen Freund nannte, der dem berühmten Berliner Porträtisten Leo letzten noch mit dem Dichter Stefan George sprechen durfte? Wer war dieser Journalist und Historiker, der im Auftrag der Amerikaner den General Guderian verhörte und im OKW Prozeß durch seine Aussage General Warlimont entlastete, der aus berufenem Munde als "eine markante Persönlichkeit des Nachkriegsdeutschland" gewürdigt wurde, für Adenauer Flugblätter redigierte, den Franz Josef Strauß und seine Freunde von der CSU eventuell zum Bundespressechef machen wollten und den Radio Moskau als Leiter der psychologischen Kriegsvorbereitung in Bonn anprangerte? Was steckte hinter dem "Mann mit dem verhangenen Gesicht", wie ihn einer seiner Bewunderer nannte. Er war alles andere als ein "kleiner Mann". Aber was war es, das so viele Menschen zu ihm hinzog, aber auch äbenso viele von ihm abstieß? Wilhelm Scheidt, Jahrgang 1912, entstammt einer kleinbürgerlichen katholischen Familie, wuchs im Württembergischen auf und lernte dort raf einer Wandervogel Fahrt die Brüder Staufrenberg kennen. In Bad Cannstatt wurde der Germanist Max Kommereil auf den gutaussehenden und hochbegabten Jüngling aufmerksam, der Stefan Georges jugendlichem Freund Maximin verblüffend ähnlich sah. Kommereil weckte seine (freilich nie unkritische) Verehrung für den George Kreis — zu dem auch Stauffenberg sich Ungezogen fühlte — und führte den Frühreifen in die griechische Philosophie ein.

Acht Semester lang studierte Scheidt Geschichte und Literaturwissenschaften — in Frankfurt, Innsbruck und zuletzt in Berlin, wo er 1936 bei Professor Walter Elze über "Die Weisheit Goethes für die Geschichte" promovierte Diese Dissertation, die noch heute von Seminaristen häufig zitiert wird, hebt sich von anderen DoktorarBeiten jener Zeit wohltuend ab, weil die üblichen Elogen auf Hitler fehlen und im Literaturverzeichnis die jüdischen Gelehrten weder ausgeklammert noch durch "Erläuterungen" herabgewürdigt werden. Die Erstlingsschrift des 24jihrigen schließt mit den selbstbewußten Worten: Professor Elze war von der Dissertation so angetan, daß er sie mit summa cum lande beverten wollte. Als sich ihm die Fakultät versigte, weil eine so gute Note seit 30 Jahren hier nicht mehr erteilt worden sei, gab er Scheidt deren Arbeiten um einen Wert herab. Elze sagte dem jungen Doktor eine glänzende wissenschaftliche Karriere voraus und hat es nie verwunden, daß sich Scheidt später dem Journalismus zuwandte.

Ebenso wie von der Welt des Geistes fühlte sich Scheidt von der Welt des Militärs angezogen (Diese seltsame Verbindung von hoher Geistigkeit und männlich harter Zucht war für Mensdien seiner Generation und seines Zuschnitts durchaus kein Widerspruch ) Er wollte Offizier werden. Er war schon vor 1933 in den "ReiterStahlhelm" eingetreten und später von der Reiter SS übernommen worden. Die Herrschaft der ISationalsozialisten begann er jedoch bald zu verachten. 1940, als Stauffenberg noch enthusiistische Reden auf Hitler hielt, sprach Scheidt, ini Kameradenkreis nur noch von der "GlitzerHitler und seine Gefolgschaft meinte, analog der Verbrecherbande der Glitzermary aus dem Bilderbogen.

Obwohl Scheidt weder Adelsbrief noch Grundbesitz vorzeigen konnte, wurden er und sein gleichfalls hochintelligenter Bruder Kurt — er fiel in Rußland — aufgefordert, bei den berühmten "Reitern 4" in Krampnitz zu dienen, welche die Tradition des Garde du Corps fortsetzten. Im Polenfeldzug marschierte der junge Leutnant vorne an — er war stolz, am 1. September den ersten Gefangenen der Wehrmacht eingebracht zu haben. Ein Freund berichtet, daß Scheidt, wenn er ins Feuer geriet, sehr gelassen blieb. Seine Soldaten verehrten ihn.