Von Ingrid Neumann

Seit Monaten macht das Ruhrgebiet Schlagzeilen. Der oft strapazierte Gemeinplatz, daß "Kohle und Stahl im gleichen Boot sitzen" – jahrelang eine absolut überholte These –, scheint in unseren Tagen tatsächlich wieder aktuell zu werden. Feierschichten und Zechenschließungen im Bergbau, Kurzarbeit und Entlassungen bei den Hüttenwerken, das ist die Wirklichkeit des Ruhrreviers geworden. Da hilft kein Gesundbeten mehr: Auch die eisenschaffende Industrie wird bereits kräftig von den Fieberschauern einer schweren Krankheit geschüttelt.

Die nicht mehr vereinzelten Hiobsbotschaften aus den Verwaltungszentralen der Stahlkonzerne lassen an Deutlichkeit kaum etwas zu wünschen übrig. Rote Zahlen, drastische Dividendensenkungen, zum Teil sogar die sichere Aussicht auf ein dividendenloses Geschäftsjahr, kennzeichnen die desolate Lage dieser Branche, der es nach Aussagen selbst der Manager, die schon Jahrzehnte im Geschäft sind, noch nie so schlecht ergangen ist wie gegenwärtig.

"Es bestehen wenig Aussichten, daß sich die Lage in nächster Zeit grundlegend ändern wird", erklärte in diesen Tagen das Hoesch-Vorstandsmitglied Gerhard Elkmann als Vorsitzer der Walzstahl-Vereinigung. Der konjunkturelle Status quo, er bedeutet gegenwärtig für die westdeutsche Stahlindustrie ein sehr mageres Auftragspolster, das kaum noch eine Beschäftigung der Werke für sechs Wochen garantiert.

Zum erstenmal seit langen Jahren sind die Auftragseingänge aus dem Inlandsmarkt im Monat September unter die Grenze von einer Million Tonnen gerutscht. Auch die Exportaufträge sind stark rückläufig. Die Auslieferungen der Hüttenwerke liegen seit Monaten beträchtlich über den neu hereinkommenden Bestellungen. Die Tendenz zu einem noch weiteren Zusammenschrumpfen der Auftragsbestände ist unverkennbar.

Und dabei hält der Importdruck unvermindert an. Inzwischen mußten die nach einer besseren Auslastung ihrer eigenen Anlagen lechzenden Stahlerzeuger an Rhein und Ruhr die bittere Pille schlucken, daß bei der Versorgung des Binnenmarktes auf durchschnittlich drei Tonnen Inlandsstahl bereits eine Tonne Walzstahl-Einfuhren kommen. Der Anteil liegt bei einigen Erzeugnissen wesentlich höher; beim Feinblech beispielsweise gehören inzwischen rund 37 Prozent des Marktbedarfes dem außerhalb der Bundesrepublik erzeugten Material.

Der Kampf um die zu erzielenden Preise wird weiterhin mit schweren Säbeln geführt. An der Tatsache, daß die Listenpreise der Ruhrhütten längst eine Fata Morgana aus besseren Zeiten geworden sind und die zu realisierenden Erlöse eher noch weiter nach unten tendieren, hat sich nichts geändert. Das trifft die Konzernkassen inzwischen um so härter, als auch die – in den nächsten Wochen noch forcierte – Anpassung der Produktion an die verminderten Absatzchancen ihren Preis fordert.