Seit Jahren hört man immer häufiger die Klage, unsere Theater würden nicht so sehr durch die Spielpläne wie durch die Fahrpläne regiert. Eine immer kleiner werdende Schar von Spitzenkräften gehört einer immer größer werdenden Schar von Bühnen. Während sich die Schiller-Helden und Shakespeare-Könige immerhin nur auf den gesamtdeutschen Sprachraum verteilen, sind die Isolden, Othellos und Marschallinnen längst Weltbesitz geworden.

Daß Dirigenten mit großen Namen zwischen großeuropäischen und transkontinentalen Pulten in nimmermüder Hast hin- und herfliegen, gehört beinahe schon zum traulichen Bild des althergebrachten Opernbetriebes. Seit sich aber herumgesprochen hat, daß man neuerdings auch inszenieren kann, ohne die Sprache, in der man inszeniert, zu verstehen, haben auch die Regisseure diese Gewohnheit angenommen.

Ortsgebunden bleiben weiterhin nur die Theaterleiter (sofern sie weder dirigieren noch inszenieren) und die Leiter der künstlerischen Betriebsbüros. Ihnen obliegt die immer schwieriger werdende Aufgabe, in diesem transkontinentalen Gewirre von Schlafwagentenören und fliegenden Fliegenden Holländern derjenigen habhaft zu werden, die sie gerade für die Abendvorstellung brauchen. Für eine Aida aus Mailand, die in New York erkrankt ist, rasch eine Römerin herbeizuschaffen, die gerade in Buenos Aires gastiert: das erfordert einen ganzen Mann – und mehr als das.

In der Deutschen Oper Berlin, wo man Experimenten gegenüber immer aufgeschlossen war, hat man deshalb kürzlich den Wunsch nach einem elektronischen Betriebsbüro geäußert. Ein Computer soll die Daten aller verfügbaren und nicht verfügbaren Sänger verarbeiten, dazu das Repertoire an Opern, die Flugpläne und die Provisionen für die Agenten, daneben die Höhe der Honorare und das verfügbare Budget. Ein Druck auf einen Knopf, und das Elektronengehirn könnte binnen weniger Sekunden ausspeien, wer heute abend den Tristan oder den Rigoletto singen wird und wann er wo welches Flugzeug zu besteigen hat.

Was in Berlin der Phantasie eines gequälten Opernpraktikers entsprungen ist, sollte keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Denn nicht nur die Toscas, Brünhilden und Lerchenauer schreien danach, daß ihre freien Termine an den Computer verfüttert werden. Die Wallensteins, Mephistophelesse und Iphigenien bedürfen ebenfalls der elektronischen Steuerung, soll auch im Düsenzeitalter gewährleistet sein, daß jeden Abend der Vorhang hochgeht.

Vor wenigen Jahren galt es noch als Inbegriff hektischen Theaterbetriebs, wenn der Dramaturg des Burgtheaters Erhard Buschbeck abends Dorothea Neff in ihrer Wohnung anrief und sie in gemütlichem Plauderton befragte, ob sie eigentlich die Marthe Schwerdtlein studiert habe.

Gewiß, soll die Schauspielerin hocherfreut geantwortet haben, und wenn sich das Burgtheater dafür interessiere, könne man ja bei passender Gelegenheit einmal darüber reden. Darauf Buschbeck, unentwegt ruhig: "Dazu wird leider nicht viel Zeit bleiben, gnädige Frau. Die Vorstellung hat nämlich bereits begonnen!"