Von Gerhard Brunner

Die Zeitspanne von drei Jahrzehnten, die die kaum bekannten Amerikaner für ihre steile Karriere hinauf zur tänzerischen Weltspitze brauchten, genügte den traditionsreichen Franzosen, einen lange bewahrten ersten Platz in Mitteleuropa zu verlieren, genügte aber auch den Schöpfern des traditionsarmen englischen Balletts, London als das neue Ballettzentrum Europas zu etablieren.

Nichts mag die Gewichtsverlagerung deutlicher charakterisieren als die resignierte Bemühung, Paris durch ein jährliches Festival International de la Dame wenigstens für einige Wochen in den Mittelpunkt des Ballettgeschehens zu rücken. Da werden nun dort Orden verliehen, wo in den Tagen der Ballets Russes und der Ballets Suedois allein künstlerische Originalität und Brillanz zählten. Da müssen Gastgeschenke ersetzen, was die in der Seinestadt residierenden Ensembles das Jahr hindurch an schöpferischen Beiträgen schuldig bleiben.

Therpsichore besucht Paris nur noch im Spätherbst. London dagegen hat immer Saison.

Im Winter 1931 nutzte Serge Lifar, der letzte Startänzer der Ballets Russes Serge Diaghilews die Chance, die sich ihm bot, als er an der Pariser Opéra einspringen mußte: Er setzte sich in diesem traditionsreichen Institut fest. Lifar, zielstrebig und selbstbewußt, war gewappnet mit dem Vorsatz zu einschneidenden Reformen. Deren erste brachte die abonnés um ihr traditionelles Recht, in den Kulissen ihren Freundinnen aufzuwarten, während die Vorstellung lief.

Zur selben Zeit ging in England die Irin Ninette de Valois daran, ihre organisatorischen, pädagogischen und choreographischen Erfahrungen zu nützen und mit dem Vic-Wells Ballet die bescheidenen Anfänge des englischen Balletts zu festigen, ein Ziel, das auch die Polin Marie Rambert vor Augen hatte. Zusammen, wenn auch auf verschiedenen Wegen, machten sie England zu einer Ballett-Nation.

Zäh und unbeirrbar fand Ninette de Valois in den entscheidenden Vorkriegsjahren ihren Weg. Sie erkannte einerseits die Bedeutung der romantischen Standardballette für die tänzerische Stilbildung. Nicht minder entschlossen versuchte sie aber andererseits, diesen historischen Stücken ein Repertoire moderner dramatischer Kurzballette von unverwechselbar literarischer Ausrichtung gegenüberzustellen.