Bonn, im November

Die langen Trakte des Bundeshauses waren verlassen und dunkel. Nur im zweiten Stock, bei den Freien Demokraten, brannte noch Licht. Die Fraktion der Liberalen diskutierte die Marschlinie für die nächste Bundestagsdebatte. Sollten sie dem SPD-Antrag zustimmen, in dem der Bundeskanzler aufgefordert wird, dem Parlament die Vertrauensfrage zu stellen? War die Partei überhaupt bereit, diesen Antrag auf die Tagesordnung setzen zu lassen?

Bei diesen Fragen ging es nicht nur um die Geschäftsordnung und um parlamentarische Spielregeln. Für die Freien Demokraten war es eine Entscheidung über ihre Zukunft. Sie mußten sich darüber klarwerden, ob sie es wagen konnten, die Brücken abzubrechen, die einen bequemen Rückweg in die alte Koalition erlaubten.

Stunden um Stunden zog sich die Debatte hin, die Rednerliste schien kein Ende zu nehmen. Als ein Abgeordneter kurz vor Mitternacht die Sitzung verließ, spöttelte einer der Journalisten: "Der erste, der umgefallen ist." Das war ein Irrtum, der Abgeordnete hat durch langes Sitzen Kreislaufbeschwerden bekommen. Gegen ein Uhr nachts, nach über fünfstündiger Debatte, erschien der Berliner FDP-Vorsitzende William Borm strahlend an der Tür: "Die Entscheidung ist gefallen."

Wie diese Entscheidung ausgefallen ist, läßt sich am besten am Verhalten der FDP in der Parlamentsdebatte vom Mittwoch ermessen. Die Freien Demokraten stimmten geschlossen mit den Sozialdemokraten dafür, den SPD-Antrag auf die Tagesordnung zu setzen.

Mit dieser Abstimmung übernahm die FDP die Rolle einer Oppositionspartei. Und mit dieser Entscheidung wurde der Graben, der FDP und CDU trennt, noch vertieft. Außerdem bewies die FDP, daß sie auch unter schwierigen Bedingungen zu geschlossenem Handeln fähig ist. Gerade diesen Beweis hatte die SPD verlangt. Vorher war sie nicht bereit, eine Koalition mit den Freien Demokraten ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Der Fraktionschef der FDP, Knut von Kühlmann-Stumm, gab in der Debatte deutlich zu verstehen, daß die Freien Demokraten, falls die SPD dies wirklich will, zu einem Regierungsbündnis mit den Sozialdemokraten bereit sind. Lächelnd wie ein Buddha thronte Carlo Schmid auf dem Präsidentenstuhl, als Kühlmann-Stumm die Sozialdemokraten ansprach: "Sie werden vor der deutschen Öffentlichkeit darlegen müssen, ob Sie selbst eine Regierung führen, ob Sie Juniorpartner einer anderen Regierung sein oder ob Sie weiter die Funktion der Opposition erfüllen wollen."