Die Überlegungen der FDP gehen davon aus, daß die Union in ihrem jetzigen Zustand koalitionsunfähig ist – eine Auffassung, die Herbert Wehner teilt. Die Liberalen glauben auch nicht, daß die Union, wenn sie sich auf einen neuen Kanzler geeinigt hat, politisch wieder voll handlungsfähig wird. Unter diesen Voraussetzungen ist die Verlockung, in die alte Koalition zurückzukehren, bei den Liberalen sehr gering. Wenn die FDP wieder ein Bündnis mit der Union einginge, wäre die Wahrscheinlichkeit groß, daß der alte Streit über die Grundsatzfragen der Politik von neuem ausbräche. Ein zweites Mal innerhalb einer Legislaturperiode aus der Regierungskoalition auszutreten, könnte sich die FDP nicht leisten, will sie von den Wählern ernst genommen werden. Falls die Liberalen überhaupt eine Koalition eingehen, so nur dann, wenn sie die Gewißheit haben, daß dies ein Bündnis von Dauer ist und daß auf der Basis eines verbindlichen Regierungsprogramms gearbeitet werden kann. Dies ist, so jedenfalls lautet die Meinung der führenden Männer in der FDP, mit der CDU fast unmöglich, mit der SPD aber kann es gelingen.

Die grundsätzliche Bereitschaft zu einer Koalition mit den Sozialdemokraten bedeutet nicht, daß dieses Bündnis auch Wirklichkeit werden muß. Bei der FDP wird nicht ausgeschlossen, daß eine Große Koalition zwischen CDU und SPD zustandekommt. Die Rolle der Opposition aber scheint die Freien Demokraten jetzt nicht mehr so sehr zu schrecken. Sie rechnen sich aus, daß sie als Oppositionspartei mit großer Wahrscheinlichkeit auf gute Wahlergebnisse hoffen kann. Und auch die Drohung mit dem Mehrheitswahlrecht hat viel von ihrer Wirkung verloren. Eine der beiden großen Parteien – es kommt auf die jeweiligen Wahlchancen an – werde, so glauben die Freien Demokraten, mit Sicherheit dagegen sein.

Eine starke Gruppe in der FDP hält eine Koalition mit der SPD nicht nur für möglich, sondern für wünschenswert. Ihr Argument lautet: Sie sei die große und einzige Chance, eine neue Politik zu machen; zusammen mit der CDU werde dazu auch die SPD nicht imstande sein. Die Opposition sei für die FDP aus parteitaktischen Gründen vielleicht – günstiger, die staatspolitische Notwendigkeit aber spreche für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten. Eine solche Koalition hätte zwar ein schweres Erbe zu übernehmen, im ersten Jahr müßten manche unpopulären Entscheidungen getroffen werden, aber eine solche neue Regierung, die der quälenden Bonner Krise ein Ende setzen würde, hätte doch, so gering ihre parlamentarische Mehrheit auch wäre, einen großen Vertrauenskredit bei den Wählern, ein Chance durch Politik zu überzeugen.

Ist die FDP imstande, eine solche Koalition auf die Dauer durchzustehen? Würde keiner der Abgeordneten abspringen? In der Fraktionssitzung vor der Debatte herrschte bei den Freien Demokraten darüber Einigkeit, daß die Mehrheitsentscheidung der Fraktion, wohin sie auch führt – in die Opposition oder in eine Koalition mit der SPD –, von den Mitgliedern der Fraktion respektiert werden wird.

Rolf Zundel