Heiteres Echo der Dialekte – Seite 1

Von Walter Henkels

Hier, im Westen des Bergischen Landes, hat sich das Heil der Welt, die chemischpharmazeutische "Bayer"-Industrie, etabliert. Hier liegt Leverkusen. Hier ist das Mündungsgebiet der bergischen Flüsse Wupper und Dhünn in den Rhein. Es gibt ruhmreiche Redensarten von dieser Farbenstadt am Rhein, die ich noch als mittleres Fischerdorf Wiesdorf gekannt habe. Und Leverkusen hat, wie der Schüler den Meister, das alte Elberfeld, wo die Farbenindustrie ihren Ursprung hatte, längst übertroffen.

Die Sensationspresse registriert Morde, aber nicht das Mörderische der Kloaken Wupper und Rhein. Wahrscheinlich ist es der Mangel an Vorstellungskraft. Die Dieselöl-, Waschmittel-, Phenol- und Kochsalzverseuchung, die wir den Holländern gratis und franko frei Haus liefern, spottet aller Klärmaßnahmen. Täglich, wohlgemerkt täglich, liefern wir dem niederländischen Nachbarn mit den Rheinwassern 35 000 Tonnen Salz; das ist die Fracht von 35 Güterzügen mit je 50 Waggons (wobei allerdings 40 Prozent aus den elsässischen Kaligruben stammen). Dabei kommen die Holländer ganz gern ins Bergische Land. Dies rechtsrheinische Bergland liegt sozusagen vor ihrer Haustür. Während sie die Schmutzlieferungen aus Deutschland tadeln, fahren ihre Busse in Schloß Burg oder am Altenberger Dom vor, um Touristenfracht abzuladen.

Die Orientierung ins Bergische Land geschieht am besten vom Leverkusener Kreuz aus, wo in einer großartigen Konzeption die Autobahnstränge und -bänder zusammenlaufen. Die vor einigen Jahren ausgebaute Autobahn vom Leverkusener zum Kamener Kreuz quer durch das Bergische Land belegt es, daß die Deutschen Straßen bauen können. Die Berge, an denen überall die menschliche Siedlung klebt, sind die Folie dieser besonders schönen Autobahn.

Die Bemerkung in den Werbeschriften, das Wuppertal sei romantisch, ist freilich eine Anmaßung. Aber das schöne Tal verdient Beifall. Untaugliche Besucher sind die Wanderer, jene, die zu Fuß marschieren möchten. Überall stört die Wanderer das Auto. Das Milieu der Orte, der Hofschaften und Honschaften ist allenthalben noch dörflich, selbst die kleinen Städte wie Leichlingen, Burscheid, Witzhelden, Radevormwald, Hückeswagen, Marienheide, Engelskirchen, Drabenderhöhe, Waldbröl, Denklingen, um willkürlich einige herauszugreifen, haben noch eine eigentümliche Sphäre von Vertrautheit, obschon es keinen, der Orte gibt, wo nicht schwarzhaarige Gastarbeiter herumstehen und Heimwehgefühl offenkundig werden lassen. Überall begegnet einem das heitere Echo der bergischen Dialekte. Nicht nur die Benrather Sprachscheide läuft durch das Land; fast jeder Ort hat seinen Spezialdialekt, in Bergisch-Gladbach und Bensberg ist er kölsch eingefärbt, mit Solingen, Remscheid und Wuppertal hat er keine Verwandtschaft.

Nicht eine einzige Großstadt, keine Mittel- oder Kleinstadt, kein Dorf, die nicht ihr Gesicht in zwei Jahrzehnten gründlich, zum Teil grundstürzend gewandelt hätten. Hier wird viel Geld verdient. Zwar gibt es noch die Heimarbeiter in den Tälern rund um die Klingenstadt Solingen, die sich vor dem Dritten Reich vorwiegend Kommunisten nannten. Aber nach dem Dritten Reich hatten sie Karl Marx und ihren bergischen Landsmann Friedrich Engels weithin zur Disposition gestellt. Heute haben die Großstädte im Bergischen alle sozialdemokratische Oberbürgermeister; in Solingen einen Messerschleifer, der aussieht wie ein junger Universitätslehrer. Die Bergischen verschweigen gern ihren Robert Ley, aber sie brauchen sich – zum Beispiel – der Dresbach, Lücke, Lemmer und Scheel nicht zu schämen.

Wer in einem Fachwerkhaus – schwarz die Balken, weiß die Wände und grün die Fensterläden – geboren ist, hundert Meter von jenem Fluß entfernt, der schon nach der Jahrhundertwende von den Elberfelder und Barmer Farben verschmutzt war. und abends stank wie die Pest, braucht trotzdem zu keiner Beschwichtigung anzusetzen, wenn einer sagt, das Bergische sei schöne deutsche Geographie. Wer in einem bergischen Fachwerkhaus geboren wurde, bringt ein verehrendes Gemüt gegenüber einer solchen Landschaft auch dann noch mit, wenn er seit Jahrzehnten fort ist.

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In dieser Landschaft ist dem Auto der Vorzug zu geben. Die Straßen sind überall gut, zum Teil sehr gut, auch wenn die Enge in diesem dichtbesiedelten Land und das Rehwild, das im Scheinwerfer über die Straßen wechselt, zu schaffen machen.

Die Denkmäler Jan Wellems in Düsseldorf und des Grafen Engelbert auf Schloß Burg sind der historische Honig, den man um den Mund geschmiert bekommt, wenn man da oder dort Einkehr hält. Was niemals im Bergischen ausstirbt, sind die Sänger; nicht die vom Finsternwalde, sondern vom "Liederkranz", von der "Liedertafel" oder vom "Ossian". Die Vermutung, daß die Mitgliedschaft in einem Gesangverein identisch sei mit kleinbürgerlicher Mentalität, ist nicht haltbar. Hier hat man, wie im benachbarten Köln, Spaß an der Freud’. Selbst wer in einem der zahllosen Dörfer Einkehr hält, wird zu abendlicher Stunde einen Gesangverein proben hören. Es schmettert und singet und saget: Deutsch das Lied und deutsch der Sang! Es wäre die pure Unwahrheit, wenn man sagen würde, die Wähler, die bei der letzten Kommunalwahl drei DFU-Stadträte ins Solinger Rathaus schickten, verstünden alle was vom Marxismus-Leninismus.

Das rheinische Bergische Land grenzt ans westfälische Sauerland. Gewisse Schlüsse, die daraus gezogen werden könnten, treffen nicht zu. Das Bergische ist weitgehend evangelisch, das Sauerland katholisch. Aber die Landschaft in ihrer Schönheit ist verwandt. Es wäre nur ein schwachsinniger Versuch, sonst noch Vergleiche anzustellen. Als Sohn des Bergischen behaupte ich schlankweg: Mit dem Sauerland haben wir nichts zu tun.

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Walter Henkels, geboren 1906 in Solingen, ist Journalist in Bonn. Er hat mehrere Bücher geschrieben: "Zeitgenossen" (1953), "Bonn für Anfänger" (1962), "99 Bonner Köpfe" (1963), aus dem in diesen Tagen "III Bonner Köpfe" wurde, und den weitbekannten, vielgeliebten Adenauer-Anekdoten-Band "...gar nicht so pingelig, m. D. u. H." (1965).