Die Versteigerung der Sammlung Ludwig Charell bei Sotheby in London brachte dem Maler Toulouse-Lautrec späten Triumph. Die letzte geschlossene Graphik-Kollektion des petit monstre brachte Höchstpreise, doch wurde sie in alle Winde zerstreut Die Folge der zehn farbigen Litographien "Elles", die das Leben und Treiben der Frauen in den Maisons closes schildert, wurde in London für 88 000 Mark erworben. Das über ein Meter hohe Plakat der Jane Avril brachte die sensationelle Summe von 22 000 Mark. Unter den vielen im südlichen Frankreich versteckten Provinzmuseen gewinnt das Lautrec-Museum in Albi immer mehr Aufmerksamkeit. Eine Reise dorthin nach der Saison verspricht dem Besucher stille Stunden zur Betrachtung.

Der Kellner, der uns in Toulouse am Boulevard die Austern servierte, die charmante Demoiselle in dem kleinen Bistro bei der romanischen Wallfahrtskirche Saint-Sernin – sie hat die tiefschwarzen Haare und den lichten Teint, die kräftige Nase und die mandelförmig geschnittenen, lang gewimperten Augen der gaskognischen Rasse –, sie wußten, beide sehr wohl, warum wir am nächsten Morgen nach Albi fahren wollten. Die Kathedrale, der Bischofspalast, die Blumen im Parc Rochegude, die Terrassen überm Tarn – das alles sei großartig, sagten sie. Beide aber meinten, das Herrlichste in Albi sei das Toulouse-Lautrec-Museum.

Die Kathedrale auf dem zum Tarn steil abfallenden Ufer steht kahl und abweisend gegen den Platz. Sie ist aus demselben gelbroten Backstein des Languedoc gebaut wie die Kirchen in Toulouse, wie die imposante Kirche von Rabastens, die wir auf dem Weg nach Albi sahen, und wie die späteren Bürgerhäuser der Stadt. Mit der ihr verbundenen Bischofsburg tritt sie auch heute noch als ein mächtiges kahles Bollwerk in Erscheinung – als das Bollwerk einer unerbittlichen Orthodoxie.

Heute birgt das Gemäuer ein gezeichnetes und gemaltes Oeuvre, das von jener gnadenlosen Inquisition weit entfernt ist. Nicht minder seltsam ist der Gegensatz, in dem die Provinzialität des heutigen Albi zu der Welt steht, die Lautrec ins Reich einer vergeistigten Sichtbarkeit gehoben hat. Wie kommt diese Landstadt zu diesem Museum? Freilich, nicht weit vom "Chateau de la Berbie" – es liegt alles hier dicht beieinander – steht das Haus, in dem am 25. November 1864 Henri-Marie-Raymond de Toulouse-Lautrec-Montfa geboren wurde. Nur von weitem, oberhalb eines terrassierten Obstgartens erblickten wir das Palais mit seinem zylindrischen Eckturm. Hinter den hohen Fenstern mit den grauen Klappläden mußte der Salon liegen, in dem der dreizehnjährige Henri ausgeglitten war und den Oberschenkel gebrochen hatte, womit das Leiden begann, das ihn zum Zwerg machen sollte.

In Lautrecs späterem Leben hat Albi keine wesentliche Rolle gespielt. In den Bars, Cabarets und "Salons" des Montmartre war er mehr zu Hause als je in Albi. Mit Albi ist Lautrec eigentlich erst für uns eng verbunden, seit dort das Museum besteht. Die Stadt hat die Chance wahrgenommen, die Paris sich hatte entgehen lassen. Was die Hauptstadt verschmäht hat, ist dem Museum von Albi zugute gekommen.

Wir kamen gewiß nicht mit geringen Erwartungen. Sie wurden weit, übertroffen. In der großen Zahl der Werke kommt der Zeichner, der in geistvoll psychologisierender Arabeske die Figuren des Montmartre facettiert, ebenso zur Geltung wie der Maler und der Künstler des Plakats.

In dem Saal, in dem Lautrecs Bilder hängen, reizte eine verriegelte Tür meine Neugierde. Der Wärter öffnete. Wir standen auf einer Terrasse über einem runden Turm. Unter uns spiegelt das klare dunkle Wasser des Tarn die Bogen zweier Brücken. Die Stadt drängte zum Bild zusammen, überragt von dem mächtigen Bollwerk der Kathedrale, über deren kompakten Langhauskörper der Turm wie ein Bergfried einer Burg hervorschaut.

Die Backsteinmauern glühten in der Abendsonne auf, als wir die Stadt wieder verließen. Die Erinnerung an eine unduldsame Vergangenheit, die das Gemäuer der Bischofsfeste in uns erweckte, wich der Empfindung des klaren Lichtes im blauen Wind des Albigeois. Mächtiger als jene Erinnerung war der Eindruck, den wir von Lautrecs Leidenschaften empfingen, die Welt der Erscheinung in die Ausdrucksform von Linie und Farbe zu bannen. Hans Eckstein