Von Hansjakob Stehle

Große Beben lassen sich auch an kleinen Seismographen ablesen. In diesem Sinne war der Parteitag der albanischen Kommunisten in Trana mehr als die lokale Veranstaltung des chinesischen Zwergablegers in Europa. Der statistischen Internationale bot der Kongreß letzte Woche die Gelegenheit, sich zum erstenmal gemeinsam öffentlich und fast unter sich zu präsentieren – und dabei festzustellen, was von ihr selbst den Sturm der Pekinger Kulturrevolution überstanden hat. Denn das steht außer Zweifel: Auch die Parteigänger Pekings sind in einer peinlichen Lage angesichts jener chinesischen Methoden, von denen der Festredner des sowjetischen Oktoberfeiertages am vorigen Sonntag in Moskau sagte, sie hätten weder mit Kultur noch mit Revolution etwas zu tun.

Sogar in Albanien hatten die Nachrichten aus Peking die Saat des Zweifels sprießen lassen. Der offizielle Applaus Tiranas für die Kulturrevolution ließ lange auf sich warten und war selbst dann kühl. Die Säuberungswelle, die Parteichef Enver Hodscha im Frühjahr gestartet hatte, erfaßte zwar "feindliche Elemente innerhalb der Partei", die nicht näher definiert wurden. Andererseits setzte sich das theoretische Organ der albanischen Partei, "Rruga e Partise", im Oktober überraschend für wirtschaftliche Reformen und gegen "übertriebenen bürokratischen Zentralismus in der Planung" ein; materielle Anreize und Marktbedürfnisse dürften nicht verachtet werden. Das waren Töne, die sich schwerlich mit der chinesischen Linie vertrugen. Doch zugleich kündigte die Zeitung "Bashkimi" an, die Partei gehe mit einer "kristallklaren Linie" in ihren Kongreß.

Die heutige Moskauer Führung sei schlimmer als Chruschtschow – mit dieser These entrichtete Hodscha dann auch den fälligen Tribut an Peking. Ohne chinesische Hilfe, so gab er zu, könne Albanien kaum mehr existieren. Allein in diesem Jahr sind es 24 Industrie-Komplexe, die mit Pekings Unterstützung erstehen. Zehn Tage vor dem Parteitag hatte es noch eine chinesische Kreditzusage für Albaniens Ölindustrie gegeben, und schließlich erschien einer der Hauptverantwortlichen der "Kulturrevolution", Keng-Scheng, als Abgesandter Maos beim Kongreß in Tirana.

Die Heerschar der Verbündeten, die er dort um sich versammeln könnte, war scheinbar beachtlich. Außer den neutralen Nordvietnamesen, Nordkoreanern, Rumänen erschienen Delegationen von 27 "marxistisch-leninistischen" Splittergruppen aus aller Welt – davon freilich nur aus einem kommunistisch regierten Land: aus Polen. Die Grußbotschaft dieser stalinistischen, gegen Gomulka agitierenden Gruppe verlas jedoch nicht deren (nach Albanien geflüchteter) Chef Mijal, sondern der Ideologe der belgischen China-Kommunisten, Jacques Grippa. Unkomplizierter konnte man gegenüber Moskau verfahren. Die stalinistische Internationale hat im Gebäude der ehemaligen sowjetischen Botschaft in Tirana eine Herberge gefunden. Wer und wie viele Anhänger stehen hinter dieser neuen "Komintern"? Ihre Versammlung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich bei den vierundzwanzig Delegationen um Vertreter winziger Sektierergruppen handelt, deren Reihen sich in den letzten Monaten überdies ziemlich gelichtet haben.

Bedenkt man freilich, daß noch beim letzten albanischen Kongreß im Februar 1961 die sowjetischen Politbüromitglieder Andropow und Pospelow auftraten, so wird deutlich, wie tief und unheilbar der Riß im Weltkommunismus inzwischen geworden ist.