Die afrikanische Gipfelkonferenz in Addis Abeba begann mit einem dramatischen Vorspiel. Aus einem Flugzeug, das von Conakry in die äthiopische Hauptstadt flog und in Accra zwischenlandete, holte ghanaisches Militär den guinesischen Außenminister und seine 18 Mann starke Begleitung heraus. Ihre Weiterreise werde erst dann gestattet, ließen die Militärs wissen, wenn Guinea sich bequeme, etwa hundert zwangsweise zurückgehaltene Ghanesen ausreisen zu lassen.

Das ghanaische Piratenstück drohte die äthiopische Konferenz der "Organisation für afrikanische Einheit" (OAU) zu sprengen, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Erst als Gastgeber Kaiser Haile Selassie, der gerade aus Berlin zurückgekehrt war, dem Chef des "Nationalen Befreiungsrates" von Ghana ans Portepee faßte und die Staatschefs von Ägypten und Liberia zu Hilfe holte, ließ sich General Ancrah herbei, die Festgesetzten wieder freizugeben. Als Gegenleistung hatten die drei Vermittler angeboten, sie wollten auf Guineas Staatschef Sekou Touré einwirken, damit dieser die zurückgehaltenen Ghanesen aus Conakry ziehen lasse.

Die Vernunft und die afrikanische Brüderlichkeit haben wieder einmal gesiegt, verkündete der Negus danach auf der Freitreppe der Afrikahalle in Addis Abeba und beschwor seine Gäste, sich nun den dreißig Punkten der OAU-Tagungsordnung zuzuwenden.

Die Organisation für die afrikanische Einheit war vor drei Jahren mit viel Enthusiasmus aus der Taufe gehoben worden. Das politische Afrika hatte sich damals in Addis Abeba versammelt, um sich gemeinsame Ziele zu stecken und seine Rolle in der Weltpolitik zu definieren. Panafrika hieß die Parole der um den äthiopischen Kaiser versammelten Staatschefs und Außenminister. Sie brüteten über einer Vielzahl von Deklarationen, Beschlüssen und Empfehlungen, die ihren Stimmen Gewicht verleihen sollten. Zu mitternächtlicher Stunde am 26. Mai 1963 unterzeichneten sie eine Charta, der sich außer Südafrika, Togo und Marokko alle unabhängigen afrikanischen Staaten verschrieben. Ihre Ziele: Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde für alle afrikanischen Völker, Ausrottung des Kolonialismus, Nichteinmischung in die Angelegenheiten der einzelnen Staaten und Verurteilung des politischen Mordes.

Die Euphorie jener mitternächtlichen Stunde vor drei Jahren währte nicht lange. Von den 31 Gründungsvätern haben bis zur dritten Gipfelkonferenz nur 21 die innenpolitischen Stürme ihrer Länder überlebt. Sie und die Nachfolger der Gestürzten oder Ermordeten hatten nur wenig Lust, in Addis Abeba ein Panafrika zu demonstrieren. Oberst Gowon herrscht in Nigeria über ein auseinanderbrechendes Reich, und auch Mobutus Kongo ist noch zu keiner Einheit zusammengeschmolzen. Die innerafrikanischen Querelen, Grenzstreitigkeiten und Rivalitäten warfen düstere Schatten über die Afrikahalle. Angesichts solcher Zerrissenheit fanden sich die Delegationen bei der OAU-Konferenz einmütig nur in der Forderung zusammen, "die letzten Überreste des Kolonialismus zu beseitigen". Sie richteten ihre Pfeile auf Rhodesien, auf Südafrika und auf Portugal, den Kolonialherrn von Angola und Mozambique.

Allerdings: wer nicht will, braucht nicht unabhängig zu werden. Ein Antrag von Tansania und Ägypten, Frankreich aufzufordern, den Komoren, einer Inselgruppe westlich von Madagaskar, das Selbstbestimmungsrecht zu gewähren, fand nicht die erforderliche Mehrheit. Die Delegationen, die gegen den Antrag stimmten, hatten eine klare Begründung: Die Komoren hätten ja noch nie den Wunsch geäußert, ihren Status zu ändern. Die Komoren werden von 180 000 Menschen bewohnt – Arabern, Kaffern und Indern. Haag von Kuenheim