Noch hat der Bundestag nicht entschieden, ob er dem Beispiel der Länder folgen und den Etat 1967 zwecks Überarbeitung an die Regierung zurückgeben soll. Doch da der amtierende Finanz- und Wirtschaftsminister Kurt Schmücker am Dienstag zugleich einen Ergänzungsplan vorlegte, der immerhin von einer realistischen Ausgabenschätzung ausgeht, mag die Regierung Chancen haben, daß die Abgeordneten am Freitag den Etat nebst Ergänzungsetat, Finanzplanungs- und Steueränderungsgesetzen dem Haushaltsausschuß zur Beratung überweisen werden. Erwin Schoettle, SPD-Abgeordneter und langjähriger Vorsitzender dieses Ausschusses, weiß, was auf ihn und seine Ausschußkollegen zukommt: "Es ist der schlechteste Etat, über den wir jemals zu beraten hatten."

Schoettle muß es wissen. Als die baden-württembergische Landesregierung vor zwei Jahren aus Anlaß von Schoettles 65. Geburtstag einen Empfang gab, nannte Ministerpräsident Georg Kiesinger seinen schwäbischen Landsmann einen der besten Kenner des Bundeshaushalts, der sich überall Achtung und Wertschätzung erworben habe. Schoettle erwiderte, er versuche, mit Leidenschaft und Augenmaß, das heiße, aus Verantwortung, mit diesem Amt fertig zu werden.

Augenmaß bewies er nicht zuletzt am 27. Mai 1966, als der laufende Etat verabschiedet wurde. Sein Vorredner, der CDU/CSU-Abgeordnete Althammer, hatte versucht, der Regierung Blumen zu streuen und ihr zu bescheinigen, daß sie schnell und tatkräftig gehandelt habe, um "einen so klaren und auch wahren Haushalt für das Jahr 1966 vorzulegen". Der biedere Schwabe Schoettle antwortete trocken, den Beweis, ob der Pudding gut sei, erhalte man erst beim Essen. Es sei lediglich gelungen, Ausgaben und Einnahmen auf dem Papier auszugleichen.

Er fügte hinzu: "Wir können aber nicht übersehen, daß neben diesem ausgeglichenen Haushalt eine Reihe von Verpflichtungen bestehen oder im Laufe des Haushaltsjahres akut werden, die sehr wohl in der Lage sind, uns noch 1966 vor neue Deckungsprobleme zu stellen." Schoettle sollte damit ebenso Recht behalten wie mit der Prophezeiung, die Arbeit am Etat 1967 werde gewiß nicht leichter sein. Heute meint er, er sei froh, wenn sein Ausschuß den Etat bis zum Mai nächsten Jahres gründlich beraten und dem Plenum zur Verabschiedung vorgelegt habe.

Seit Bestehen der Bundesrepublik, also jetzt seit siebzehn Jahren, ist Schoettle Vorsitzender des Bundeshaushaltsausschusses. Es spricht für seine sachliche und faire Verhandlungsführung, daß ihm seine politischen Gegner aus der bisherigen Regierungskoalition Objektivität bescheinigen, während manche SPD-Abgeordnete meinen, hin und wieder könne er etwas mehr Vorteile für ihre Partei herausholen. Seine Fraktion weiß indessen, was sie an ihm hat. 1961, mit Beginn der vierten Legislaturperiode, schlug sie ihn zu einem der Vizepräsidenten des Bundestages vor. Seitdem muß man im Bundeshaus hinter dem Plenarsaal jenen Trakt mit den roten Läufern aufsuchen, wenn man ihn sprechen möchte.

Um die SPD hat sich Schoettle hoch verdient gemacht. Der Sohn eines Schuhmachers aus Leonberg bei Stuttgart (geboren am 18. Oktober 1899), lernte nach dem Besuch der Lateinschule das Schriftsetzerhandwerk, bevor er als Soldat im Ersten Weltkrieg seinem Vaterland diente. Danach besuchte er die Kunstgewerbeschule in Stuttgart und arbeitete in der Druckerei der sozialdemokratischen Schwäbischen Tagwacht. Einige Jahre später wurde er Redakteur bei einem Kopfblatt der "Tagwacht" in Esslingen.

Politischer Redakteur war dort auch Dr. Kurt Schumacher. Schumacher wurde SPD-Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender der württembergischen Sozialdemokraten, Schoettle Landtagsabgeordneter und SPD-Parteisekretär in Stuttgart. 1933 wurde Schumacher KZ-Häftling, Schoettle entging im Mai jenes Jahres der Haft durch die Flucht nach St. Gallen in der Schweiz. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges brachte ihn die Quäker-Organisation mit Frau und Tochter nach Großbritannien. Sein Freund Schumacher holte ihn nach Kriegsende zurück.