Von Kai Hermann

Berlin, im November

Der Augenblick, auf den Deutschlands Kommunisten fast zwanzig Jahre gewartet haben, ist da: In Bonn löst sich die Regierung auf – und mit ihr die bisherige Deutschlandpolitik. Die SED-Führung könnte nun den politischen Generalstabsplan für den Tag X aus den Panzerschränken holen und die Initiative an sich reißen.

Doch nichts deutet darauf hin, daß man in Ostberlin auch nur den Versuch machen will, die Gunst der Stunde zu nutzen. Die SED scheint sich in dieser Situation nicht mehr als die Rolle einer Wahrsagerin zuzutrauen. Die Leser des "Neuen Deutschland " jedenfalls wissen, wie die Krise in der Bundesrepublik enden wird: in einer Großen Koalition, der "Notstands-Bunkergemeinschaft", die den "imperialistischen Bonner Kurs" verschärfen wird.

Freilich, aus den kommunistischen "Analysen" der Krise wird nur allzu deutlich, daß der Wunsch der Vater dieses Alptraums ist. Die SED verhehlt das nicht einmal. Sie freut sich ungeniert über den Erfolg der NPD in Hessen, der für sie die erste Quittung der "Bonner Bunkergemeinschaft" ist. Sie sagt voraus, daß die Große Koalition "Klassenwidersprüche" verschärfen muß.

Auf die Anzeichen einer sich wandelnden Bonner Deutschland- und Ostpolitik reagiert die SED-Führung freilich immer aggressiver. So scheint ihre Politik und Propaganda zur Zeit allein das Ziel zu haben, die Sozialdemokraten in die Arme der Union zu treiben. Statt die SPD gerade jetzt zu weiteren kleinen Schritten zur Koexistenz und weg von der CDU zu ermuntern, stellte Ulbricht in den Passierschein-Verhandlungen Bedingungen, die für den Berliner Senat von vornherein unannehmbar sein mußten. Alle Reden und Leitartikel hatten in den vergangenen lagen nur ein Generalthema: den Versuch, Gegensätze zwischen den Bonner Parteien hinwegzuagitieren – und die SPD zu verteufeln.

Die SED fühlt sich zur Zeit offenbar zu schwach, um mit der Bundesrepublik zu koexistieren. Sie hat sich im Abenteuer der Redneraustausch-Episode restlos verausgabt. Nach dem stürmischen Flirt mit der SPD kann die SED den einst so heiß begehrten Partner nicht weit genug von sich stoßen. Sie braucht Luft, sie braucht den eisigen Wind des Kalten Krieges, um Atem zu schöpfen.