In den USA sind sie massenweise auf die

Straßen gegangen, Pappschild vorm Busen, Zorn im Gesicht und nicht schulpflichtige Kinder an der Hand: in Denver und Levittown, Miami und Peterson marschierten Hausfrauen aus Protest gegen steigende Preise: Brot von Januar bis November 1966 um 7,5 Prozent teurer, Milch 7,9, Obst und Gemüse 10, Lebensmitteldurchschnitt 4 Prozent. (In der Bundesrepublik stiegen die Lebensmittelkosten zwischen September 1965 und September 1966 um etwa 3,6 Prozent).

Aber die Frauen marschierten nicht nur, sie riefen auch zum Boykott auf – und boykottierten tatsächlich. "Helft uns gegen die Kettenläden!" stand auf ihren Plakaten und "Wir kaufen nichts mehr!", das heißt: nichts mehr bei den Supermärkten, denn gegen sie richtete sich ihre Hauptempörung. "Sie sind ganz einfach profitgierig", klagten die Frauen jene Paradiese an, denen sie im Jahre 1965 noch jedem durchschnittlich 1,4 Milliarden Dollar Umsatz gebracht hatten. (Bei uns sind Supermärkte erst im Kommen Nur acht Prozent aller Haushalte kaufen Lebensmittel überwiegend in Supermärkten und Warenhäusern. 87 Prozent gehen zum Kaufmann an der Ecke, ein Prozent bedient sich beim Großhandel.)

Der Protest der Hausfrauen überraschte so sehr, daß das Fernsehen und der deutsche Rundfunk davon Notiz nahmen. "Time" sagt dem Protest einen Mißerfolg voraus, erklärt die Teuerung (Getreideknappheit wegen wachsender Lieferungen in Entwicklungsländer, wegen staatlicher Erntekontrollen und so weiter) und resümiert: "Amerikanische Verbraucher haben sich an die niedrigen Lebensmittelpreise gewöhnt, die eine Folge unseres Überflusses gewesen sind. Damit ist es jetzt aus. Unsere Flitterwochen sind vorüber."

Also: Die Boykotts werden in sich zusammenbrechen, die Preise steigen und die Hausfrauen müssen zahlen, schon weil sie bisher am "weltbilligsten" haben zahlen können: sie haben nur 18 Prozent ihres versteuerten Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. (In Europa sind es 29 bis 45 Prozent.)

Das alles werden die streitbaren Hausfrauen auch wissen. Der Unterschied zu uns ist nur: sie nehmen es nicht friedlich hin. Sie passen auf. Sie lassen die Supermärkte veröden, und sie lassen ihre geliebten Autos stehen, und sie marschieren. Sie kämpfen um die Pfennige, und wenn sie à la longue auch die Börse aufklappen müssen: Sie haben erstmal ihre Kontrahenten eingeschüchtert, haben gezeigt, daß sie sich ihre Macht nicht abschwatzen lassen, und haben Zeit gewonnen. Und in diesem Fall ist Zeit ganz offensichtlich cash and money. S. G. S.