Man müßte einmal neu über Braque schreiben, sagte mir kürzlich ein bekannter deutscher Maler: "Wir haben ihn alle bestohlen und mögen ihn alle nicht." Keine neue Situation, wenn man an Degas’ Wort denkt: "Man erschießt uns zwar, aber man plündert unsere Taschen." Stellt das in diesen Tagen erscheinende Buch von

Edward Fry: "Der Kubismus", aus dem Englischen und Französischen von Irmtraud Schaarschmidt-Richter; DuMont Dokumente, Texte und Perspektiven, Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 200 S., Abb., 16,80 DM

einen solchen Versuch dar, Braque und seine Freunde aus der Sicht unserer Tage her zu interpretieren, ihr bildnerisches Vorgehen auf seine Aktualität zu prüfen?

Frys Buch ist ein sachlicher Bericht über die Entwicklung des Kubismus als Stil, der sich vor allem an Picasso und Braque orientiert, die die eigentliche kubistische Erfindung ausarbeiteten. Gleizes, Metzinger, Le Fauconnier, Lhote und andere werden in ihrem Abhängigkeitsverhältnis zu den beiden kurz skizziert. Fry folgt dabei in seinem Text einer strengen Chronologie, wichtige Etappen werden in ihrer Bedeutung analysiert, die sich für Fry ausschließlich im bildnerischen Bereich vollzieht. Das heißt Verzicht auf die den Kubismus, wie er meint, belastenden theoretischen und pseudowissenschaftlichen Interpretationen zugunsten einer Art empirischer Kunstbetrachtung.

Frys Einleitung, die etwa ein Viertel des ganzen Textes ausmacht, gibt nicht mehr und nicht weniger als die Zelle einer totalen Darstellung des Kubismus. Auswirkungen kubistischer Ideen, die über den inneren Kreis der Pariser Maler hinausgehen, werden nicht verfolgt. Wenn diese Reihe laut Programm Originaltexte und Dokumente zu den Fragen der Gegenwart liefern will, so wäre allerdings gerade zu erwarten gewesen, daß die Stellung der Gegenwart zu dem historischen Phänomen Kubismus analysiert wird. Tatsache ist eher, daß der Kubismus in Malern wie Arshile Gorky, Hans Hofmann, Stuart Davis entscheidend fortgeführt wurde und die Auseinandersetzung mit ihm dazu beitrug, die amerikanische Malerei seit den vierziger Jahren zu formen. Überdies fehlt fast jede Auskunft über die Bedeutung der kubistischen Konzeption für die Plastik, bei Picasso selbst, bei Laurens, Archipenko.

Das Hauptgewicht des Bandes liegt bei den Dokumenten. Es sind kritische, theoretische oder literarische Zeugnisse aus den Jahren 1905 bis 1525. Die Verfasser werden in kurzen Absätzen vorgestellt, und ihre Bedeutung für die Ausformung des Kubismus wird präzis belegt. Es zeigt sich, daß den Malern von Anfang an eine Equipe von Interpreten beiseite stand, die deren Verzicht auf illusionistische Perspektive, die Reduzierung der Gegenstände auf bestimmte Grundformen, die Suche nach einer Algebra der Malerei, nach dem "komponierten, konstruierten, geordneten Werk" (Allard), nach einer neuen Gestalt des Bildraumes und dem Einbezug der papiers collés begriff und im Wort darstellen konnte. Es zeigt sich außerdem der hohe Grad der Reflexion von Malern wie Léger oder Gris, deren Denken sich stets "hart am Bild" bewegt, im eigentlichen Feld bildnerischen Denkens. Jürgen Claus