Von Lothar Baier

Wird irgendwo in der Bundesrepublik eine literarische Tagung angesagt, deren Teilnehmer nicht von Hans Werner Richter eingeladen wurden, ist regelmäßig zu hören: da hätten sich die Gruppenemigranten, die Verstoßenen, die nie Zugelassenen zusammengerottet, um in etwas verkrampfter Solidarität gegen das Monopol der Gruppe 47 zu demonstrieren – als stünde es für alle Zeiten fest, daß sich außerhalb der Gruppe 47 zwar auch Talente entdecken, aber keine neuen Formen literarischerad-hoc-Auseinandersetzung finden lassen. Setzt man auch noch Werkstattlesungen aufs Programm, dann ist das Odium der Gruppen-Kopie kaum mehr aus der Welt zu schaffen.

Bevor der Frankfurter Schriftsteller und Herausgeber der Streit-Zeit-Schrift, Horst Bingel, das erste Autoren treffen des "Frankfurter Forums für Literatur" mit einer kurzen Pressekonferenz eröffnete, gab denn auch ein Fernsehjournalist seinem Kameramann Anweisung, besonders scharf auf Bingel zu achten, wenn die Frage, wie es das "Forum" mit der Gruppe 47 halte, gestellt würde.

Die Frage kam. Die spektakuläre Resolution blieb aus. Das "Frankfurter Forum für Literatur e. V." sei kein Versuch zu neuen Gruppierungen, erklärte Bingel, sondern wolle in erster Linie die Beziehung von Literatur und Publikum intensivieren. Das Unternehmen sei auch ganz bewußt an die Stadt Frankfurt gebunden, damit die Bürger dieser Stadt Literatur nicht nur als Messeobjekt und Verlagsprodukt, sondern auch im Prozeß der Entstehung und kritischen Korrektur kennenlernen könnten: mehr Markt als Seminar.

Die Gründungsmitglieder, unter ihnen der Suhrkamp-Lektor Günther Busch, der Übersetzer und FAZ-Literaturredakteur Helmut Scheffel, der Übersetzer Karl Dedecius und verschiedene Rechtsanwälte, Verleger, Kaufleute und Bankleute, haben sich im Forum als Frankfurter Bürger und als Literaturinteressenten zusammengefunden. Die Arbeitsweise und die Statuten (denn das Forum ist eingetragener Verein, gemeinnützig, und darf zum Beispiel Spendenquittungen ausstellen) wurden vor einem Jahr fixiert, die Idee ist ein paar Jahre älter. "Ich wußte", sagte Bingel, "daß ich mich mit dem Forum als Autor in den Hintern treten würde, deshalb habe ich die Gründung immer wieder aufgeschoben." Ein Jahr ist keine lange Zeit, um Mäzene anzuwerben, Gelder aus-einem städtischen Etat loszueisen, den ein kostspieliger U-Bahn-Bau schröpft, Kulturreferenten zu gewinnen und Termine zu arrangieren. Vieles mußte in letzter Minute improvisiert werden, einige der eingeladenen Autoren hatten kurzfristig absagen müssen, tschechischen Teilnehmern machte man Schwierigkeiten mit dem deutschen Visum.

Etwa achtzig Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer kamen am 3. November angereist; unter anderen aus England Erich Fried und John Willen, aus Frankreich François Erval und Jean-Pierre Faye, aus Jugoslawien Vasko Popa und Ivan Ivanji, aus der ČSSR Jiri Hájek und Peter Hrivnak, aus Italien Aloisio Rendi, aus Österreich H. C. Artmann, Thomas Bernhard, Paul Kruntorad, aus der Schweiz Peter Lehner, Urs Widmer, aus Luxemburg Nie Weber, aus Belgien Ivo Michiels und aus der Bundesrepublik Horst Benek, Helmut Heissenbüttel, Walter Höllerer, Wolfgang Weyrauch, Horst Krüger, Gabriele Wohmann, Karl Krolow, Gerhard Zwerenz, Dieter Hasselblatt, Martin Gregor-Dellin und viele andere, vor allem sehr junge Autoren und Kritiker.

Am ersten Abend gab’s noch einmal Literatur im Schaukasten, Erich Fried las Vietnam- und andere Gedichte, Ivo Michiels las aus seinem "Buch Alpha", und H. C. Artmann zelebrierte seinen "Dracula". Am nächsten Morgen ging’s ars Befühlen, Kritiker und Autoren wurden aufeinander losgelassen, nachdem sie beim Frankfurter Oberbürgermeister mit Sekt und städtischer Solidarität versorgt worden waren.