Den staatlichen Fremdenverkehrsorganisationen der CSSR ist es bisher nicht gelungen, die Hohe Tatra dem Fremdenverkehr zu erschließen. Gewiß: Man kann alles vorausbuchen, sei es über das CEDOK-Reisebüro, sei es über Neckermann. Das Abenteuer jedoch besteht darin, auf eigene Faust zu reisen.

Vergangenes Jahr erschien im Sportverlag Bratislava ein Touristenführer für die Hohe Tatra – der erste in deutscher Sprache seit mehr als 40 Jahren. "Die Hohe Tatra", liest man dort, "ist wohl das kleinste Hochgebirge der Welt, jedoch mit allen gemeinsamen Merkmalen ihrer mächtigeren und bekannteren Brüdern und Schwestern ... Markierte und gut unterhaltene Touristenwege führen durch die schönsten Täler, aber auch auf die höchsten Spitzen. Die Anstiegswege sind im Vergleich zu anderen Hochgebirgen minimal; sie zählen nur Stunden." In der Tat: Selbst ein kaum trainierter Wanderer ist in etwa sechs Stunden von der Waldzone auf dem höchsten Gipfel. Die meisten der 2000er muß, darf oder kann man zu Fuß ersteigen. Nur auf die Lomnitzer Spitze (2632 Meter) führt von Tatranská Lomnica aus eine etwas archaisch anmutende Seilschwebebahn, mit Umsteigen in 1760 Meter Höhe, am Skalnate Pleso, dem Steinbachsee, von einer größeren in eine kleinere Kabine. Man sollte die Fahrt keinesfalls versäumen: Das Panorama, weit nach Polen hinein, ist einzigartig und jedem Skiläufer wird das Herz im Leibe lachen, wenn er die Abfahrtsmöglichkeiten sieht. Das zweite Seilbähnchen der Hohen Tatra führt von Stary Smokovec zum Hrebienok (Höhenunterschied 238 Meter).

Sodann gibt es das Bähnlein, das mehrmals täglich die beiden extremsten Orte der Hohen Tatra verbindet, Tatranská Lomnica mit Strebsie Pleso. Das Bähnlein stammt aus k. u. k. Zeiten und ist obendrein grotesk billig.

Die Preise: Von Mitte Dezember 1966 bis März 1967 kostet Vollpension in dem erstklassigen Grandhotel "Praha" in Tatranská Lomnicá 23 Mark pro Tag. Das Hotel, von außen ein fürchterlich aussehender Kasten aus der Gründerzeit, hat eine Behaglichkeit und eine Ruhe, wie man das heute kaum noch irgendwo findet. In der großen Hotelhalle trifft man amerikanische Millionäre, hohe tschechoslowakische oder polnische Regierungsbeamte, Delegationen ukrainischer Bergarbeiter, SED- oder FDGB-Funktionäre und slowakische Bäuerinnen, die hier, etwas verschüchtert, ihr Pilsner oder ihren Café trinken.

Neckermann bietet für diesen Winter im "Praha" 15 Tage ab und bis Frankfurt (Flug Frankfurt-Prag-Kosice, von dort per Bus bis Tatranská Lomnicá) mit Vollpension, Doppelzimmer mit Bad, für 578 Mark an. Im neu erbauten geschmackvollen, jedoch etwas wohnwabenartigen Hotel "Bellevue" in Stary Smokovec, kostet dasselbe 548 Mark und im einfachen, dennoch komfortablen "Sporthotel" in Stary Smokovec 399 Mark (ohne Bad).

Ein Ferienparadies mitten in Europa, keine vier Flugstunden von Hamburg entfernt. Eine Oise aus der Vergangenheit, in der noch drei Angestellte sich bemühen, um dem Gast eine einzige Tasse Kaffee zu verabreichen: ein Ober, der die Bestellung entgegennimmt, eine Kellnerin, de den Kaffee bringt, und schließlich ein würdevoller Zahlkellner, der schriftlich ausrechnet, wieviel 3 Kronen 50 plus 35 Heller macht, nämlich 3 Kronen 85, bitt’schön! Ein Paradies der Ruhe mit dem langsam verbleichenden Charme der k. u. k. Noblesse. G. R.