Von Jean Cau

Ich habe niemals eine Droge genommen. Ich habe Angst und Schrecken vor der Droge. Ich werde niemals eine Droge nehmen. Ich finde es würdelos, daß ein Mensch unter dem Vorwand, in ich weiß nicht welche Abgründe zu tauchen, Neuentdeckungen zu machen, Offenbarungen zu gewinnen oder nie gekannte Sensationen zu genießen, systematisch seine eigene Zerstörung unternimmt. Ich finde es furchtbar, wenn ein Mensch auf seinen Willen verzichtet – ich sage nicht einmal auf seine Vernunft – und sich in Unverantwortlichkeit abgleiten läßt.

Ich finde, daß die Welt nicht dazu da ist, verlassen, aufgelöst, verleugnet zu werden, sondern daß wir in ihr leben müssen. Ich finde, daß der Mut, die Schönheit, die Schwierigkeit (und ich gebrauche diese Worte nicht, um Register zu ziehen, in denen sie schön klingen) für einen Menschen – sei er Künstler oder was immer er sein mag – darin besteht, daß er mit all seinem Stolz in dieser Welt lebt, wahrscheinlich auch mit seiner Angst, vielleicht mit seinem Elend, auf jeden Fall aber mit aller seiner Verstandesklarheit. Diese Klarheit muß er behalten, im besten wie im schlimmsten Fall.

Kein Ästhetizismus, keine überdrehte Spitzfindigkeit des Denkens und Schreibens wird mich jemals vom Gegenteil überzeugen. Keine sich beraubende Avantgarde – hervorgegangen aus dem amerikanischen Universitäts-Campus oder aus den Cafe-Terrassen von St.-Germain-des-Prés – wird mich je glauben machen, daß das Leben in der Flucht bestünde, daß Genie sich in Gedanken-Nebeln äußere, die Zukunft nur dumpfe Ungewißheit und die Wahrheit im rohen Wahnsinn zu finden sei, der absichtsvoll aufgesucht wird.

Ich predige hier nicht die Religion der "schrecklichen Gesundheit". Ich sage, daß der Mensch, der die Droge nimmt, alles aufgibt. Die Droge macht steril. Und Sterilität, sei sie die des Herzens, der Intelligenz oder der Empfindungen, ist schlimmer als der Tod. Die Droge produziert lebende Leichname: ausgedörrte Lumpen, die ihre weichlichen Hände nicht nach wirklichem Lebensdrama, nicht nach echter Lebensfreude ausstrecken. Ihr Leben und ihr Tod werden in mir bald kein Interesse mehr erwecken, werden in mir keinen Zorn mehr erregen.

Ihr Anhänger des "künstlichen Rausches" – was ist Euer Ziel? Wollt Ihr mit dem weichen Blick Eurer Augen entmutigtes Mitleid in den Augen der Mitmenschen lesen, anstatt der Verachtung, die Ihr ihnen eingebt? Aber es ist wahr: Ihr habt kein Ziel mehr, und Euer Dahingleiten ist einsam. Zu spät! Ihr gebt den anderen nichts. Und Ihr verlangt nichts von ihnen, nicht einmal Hilfe, da Ihr von Euch selbst nichts mehr fordert. Kurz, ich nehme die Droge nicht. Ich habe sie niemals genommen. Ich werde sie niemals nehmen.

Der Abend beginnt