Von Joachim Schwelien

Amerikanische Präsidenten haben das Recht, falsch zu regieren. Der 36. Präsident der USA, Lyndon Baines Johnson, macht von diesem Recht so sparsam wie möglich Gebrauch. Seine Mitarbeiter und die meisten Amerikaner sind davon überzeugt, daß das meiste, was er mache, richtig sei. Doch ebenso sind sie sicher, meistens sei falsch, wie er etwas tue. Das erklärt, warum Johnsons Popularität fast unaufhaltsam abrutscht, die breite Mehrheit der Bevölkerung aber dennoch seine Politik, wie etwa in Vietnam, gutheißt und unterstützt. Er gleicht dem Makler, dessen sich der Besitzer eines Grundstückes von zweifelhaftem Wert zum vorteilhaften Verkauf versichert. Insgeheim ist er mit dem Erfolg seines Maklers zufrieden, doch distanziert er sich von der Verpflichtung zum Dank.

Unter allen amerikanischen Präsidenten gilt Lyndon Johnson als der bisher größte und wohl erfolgreichste Manipulator. Wenn die Vorgänger mit ihrem Charisma, mit ihrem Idealismus, mit ihrer Intelligenz oder auch nur mit ihrer Volkstümlichkeit glänzten, so brilliert er mit dem Geschick, die Dinge zu arrangieren, Widerstrebende sanft oder brutal zu überzeugen und mit sich zu ziehen, ernst zu nehmende Widersacher zu isolieren oder niederzuwalzen.

Wenige Präsidenten haben auf ihre amerikanischen Landsleute so widerspruchsvoll gewirkt wie Johnson, der gern als der schlichte, erdverbundene, sich seiner einfachen, fast ärmlichen Herkunft stets gerührt erinnernde Schullehrer aus Texas posiert und doch wie kaum ein anderer Politiker seine ganze öffentliche Laufbahn im Machtzentrum Washington absolviert hat, nebenher ein Millionenvermögen mit seinem zeitweiligen Fernsehmonopol in Austin erwarb und Wert auf ausgesuchte Eleganz seiner Kleidung legt.

So erscheint der Mensch und der Politiker Johnson wie ein Eisberg; was an ihm sichtbar ist und was er sichtbar werden läßt, ist nur ein kleiner Teil seiner Persönlichkeit. Sie ist gekennzeichnet durch eine nahezu besessene Selbstbezogenheit, den Drang nach immerwährender Bestätigung durch die Umwelt, der sich wiederum mit einer oft verletzenden Selbstherrlichkeit paart und einer meist rüden Schlagkraft.

Wenige Politiker von Rang hüten das Geheimnis ihrer Entschlüsse so lange und so eifersüchtig, wie Lyndon Johnson; sein Haß auf Berichterstatter, die in der Lage sind, über seine Entscheidungen vorzeitig aus der Schule zu plaudern, ist sprichwörtlich und sitzt so tief, daß er die Entscheidungen gelegentlich in letzter Minute umstößt, nur um die Indiskretion der Unwahrheit zu überführen. Doch wenige Staatsmänner von Bedeutung haben die großen Entwürfe ihrer Absichten so offen auf den Tisch gelegt wie dieser gleiche Johnson, der – hätte er die Mittel – die ganze Welt mit Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und einem Leben in gesichertem Wohlstand segnen, mit Russen und Chinesen um beinahe jeden Preis Frieden machen und alle amerikanischen Soldaten nach Hause holen würde.

Eine so widerspruchsvolle Figur wird oft ungerecht beurteilt. Daher ist zwar zutreffend, was der Historiker und einstige Mitarbeiter des Weißen Hauses, Arthur Schlesinger jr., einhieb ausführte, daß Johnsons Erfolge in der Rassen- und Sozialgesetzgebung auch John F. Kennedy schließlich zugefallen wären, hätte er nur weitergelebt. Die darin versteckte Unterstellung, dem Texaner seien diese revolutionierenden Gesetze sozusagen unverdient in den Schoß gefallen, ist jedoch objektiv falsch.