Frank Thiess: Plädoyer für Peking. Seewald Verlag, Stuttgart; 308 Seiten, 19,80 DM.

Alsich Frank Thiess’ "Plädoyer für Peking" angezeigt sah, nahm ich an, daß es sich um die Sammlung seiner im vorigen Jahr in der Presse erschienenen Reiseberichte handele. Auch in ihnen war er schon für China, das heißt für Land und Volk in seiner heutigen Entwicklung eingetreten und hatte, weil er gerade auch sorgsam gehegte Tabus berührte, Widerspruch erfahren. Beim Studium des jetzt erschienenen Buchs stellte sich zwar heraus, daß sich schon einige aus den Zeitungsartikeln bekannte Mitteilungen, so über Reiseart und -weg wiederfanden, daß aber im ganzen ein völlig auch in der Chinaliteratur neues Werk vorliegt.

Frank Thiess hat sich in seiner Art mit den Problemen des Volkes und Landes, nicht etwa nur der Regierung und ihres Systems befaßt. Er hat sie wesentlich als Dichter und Philosoph zu beurteilen versucht. Nicht durch Einzelmitteilungen beschwert hat er das getan, was eigentlich allein zu einer klaren Erkenntnis führt. Mit dem, was er sah, hat er sich sofort und spätestens bei der Niederschrift meditierend gründlich auseinandergesetzt. Wie beim militärischen Nachrichtendienst kann eine Fülle von verschiedenen Seiten herangetragener Angaben nur verwirren. Lediglich die intuitive und meditative Wirkung der Sachlage gestattet ein Urteil über Stärke und Absichten des Gegners.

Anders als bisher üblich versuchte Thiess von Anfang an, den Chinesen nicht so zu erleben, wie wir ihn sehen, sondern wie er sich selbst sieht. Tun wir dies nicht, so stehen wir dauernd vor der Mauer unserer Vorurteile und wiederholen meist nur die von uns selbst für gültig gehaltenen Glaubenssätze.

In einem weiteren Punkt unterscheidet sich Frank Thiess’ Werk von bisherigen Büchern. Bei aller Kenntnis der großen Zusammenhänge übersieht er nicht, daß die Lebenswirklichkeit sich nicht auf das Begriffsfeld der Historie, vor allem unser westliches Begriffsfeld, übertragen läßt. "Die Historie", sagt er, "nimmt die kleineren Dinge nicht wahr, weil sie selten oder gar nicht überliefert werden, und doch sind sie der Humus, dessen Fruchtbarkeit das wahre geschichtliche Leben ausmacht." Mit besonderer Geltung für die chinesische Politik fährt er fort, "Weltgeschichtliche Entscheidungen fallen heute nicht mehr in den Kabinetten, sondern in Kreisen, von denen man nicht spricht, weil man sie nicht kennt".

Das Meditative geht bei Frank Thiess aber nicht so weit, daß er sich nicht auch mit ganz realen unmittelbaren Eindrücken und Einzelfragen beschäftigt. Eingehend erklärt er die Familie aus ihren geschichtlichen Zusammenhängen Zusammenhängen, die keineswegs durch den Kommunismus zerrissen wurden, sondern nur zeitgemäße Wandlungen erfahren haben. In einem besonderen Kapitel handelt er theoretisch das Geld, in einem anderen praktisch Einzelmaßnahmen zur Überwindung der Inflation vor allem durch Sparsamkeit ab. Bei aller liebevollen Verwöhnung werden die Kinder zu ihr in frühester Jugend so streng erzogen, daß sie ihnen schon Gewohnheit ist. An dieser Stelle versucht er, für seine Betrachtungsart bezeichnend, eine Erklärung dafür, daß das neue China ein Trinkgeld nicht gestattet, ja gar nicht einmal kennt. In dem tatsächlich heute auch als Wort der jüngeren Generation nicht mehr bekannten Teegeld sieht er "eine Herabsetzung des Beschenkten auf Grund bürgerlicher Denkart". In gleicher Linie liegt die diesen Kindern eingeimpfte Selbstverständlichkeit, Gefundenes zurückzugeben, die den Gedanken eines Finderlohns ausschließt.

Der Kommunismus beschert eben dem Volk nicht nur eine allgemeine, es gleich reich machende Armut, sondern macht es durch die ausgeglichenen Eigentumsverhältnisse von vornherein unmöglich, sich durch Geld Vorteile zu sichern. Noch gibt es auch von Mao zunächst noch anerkannte Unterschiede des Einkommens, zum Beispiel soweit Besitzer von früheren Fabriken Renten für das verlorene Eigentum beziehen; doch würde eine aufwendige Lebenshaltung sofort auffallen. Seide und Schmuck sind Chinesen verboten. Diebstahl ist damit zur Nutzlosigkeit verurteilt. Im übrigen hat die gleichmäßige Arbeitskleidung höchst sichtbar den Zweck, die Klassenlosigkeit der Gesellschaft zu betonen. Der Bourgeois verbirgt sich sogar ganz gern unter dem Einheitskleid. Nach der Arbeit aber wagen sich beim Arbeiter und mehr noch bei den Frauen schon längst individuelle Wünsche hervor.