Die überraschend stabile Börsentendenz paßt nicht so recht in die politische Landschaft. Es wäre aber falsch, das allein den Bemühungen der Banken zuzuschreiben, während des Handels mit Bezugsrechten für junge Aktien des Volkswagenwerkes ein freundliches Klima zu schaffen. Sicher müht sich das VW-Bankenkonsortium sehr darum, daß die Aktienkurse in diesen Tagen nicht abrutschen. Aber alle Anstrengungen wären vergeblich, wenn es zu massiven Verkäufen kommen sollte.

Bislang waren die Abgaben minimal vor allem deshalb, weil es niemand so recht wagt, à la baisse zu spekulieren. Aufgenommen werden müssen gegenwärtig nur solche Aktien, die aus normalen Geldbeschaffungsgründen abgestoßen werden. Das mag bitter genug sein, denn mit Gewinn können heute nur noch wenige Aktienbesitzer ihre Papiere veräußern. Und das erleichtert eben die Kurspflege wesentlich.

Das Auseinanderbrechen der bisherigen Regierungskoalition hat die Börse ohne Panik hingenommen. Ihr "Herz" hing seit langem nicht mehr an der Regierung Erhard, die es nicht verstanden hat, durch eine energische Finanz- und Wirtschaftspolitik die Periode der Bundesbankrestriktionen abzukürzen. Das wiederum erhofft man von der neuen Regierung, die in den Börsensälen mit Ungeduld erwartet wird.

Die unentwegten Optimisten unter den Kapitalanlegern haben in den letzten Wochen ihre Aktienbestände kräftig aufgestockt, weil sie der Meinung waren, daß die jahrelange Aktienbaisse vorerst ihren Abschluß gefunden hat. Die Innenpolitik machte ihnen zwar keinen Strich durch die Rechnung, denn die Tiefstkurse vom Spätsommer sind noch nicht wieder erreicht oder unterschritten worden, aber der Zeitplan der Haussiers ist durch die Bonner Krise etwas durcheinander geraten. Allerdings nicht nur durch die Politik, sondern auch durch die überraschende Bayer-Kapitalerhöhung, die einen Teil jener Mittel verschlingen wird, die eigentlich das deutsche Aktienkursniveau nach oben drücken sollten.

Zu beachten ist, daß sich immer noch Leute finden, die bereit sind, "gegen den Strom zu schwimmen". Weniger bei den Bank-, Elektro- und Chemieaktien, desto kräftiger aber bei den Papieren der Eisen- und Stahlindustrie, deren Kurse in letzter Zeit wieder gestiegen sind. Kursgewinne von zehn Prozent und mehr waren hier innerhalb kürzester Frist zu verdienen. Niemand verkennt die schwierige Lage der deutschen Schwerindustrie, doch rechnet man zuversichtlich damit, daß ihre Erträge im nächsten Jahr wieder steigen werden. Das glaubten jedenfalls viele Montan-Interessenten den Ausführungen auf dem diesjährigen Eisenhüttentag entnehmen zu können.

Bedeutsam in der gegenwärtigen Börsensituation war das neue Abfindungsangebot der Texaco an die freien Aktionäre der Deutschen Erdöl-AG. Durch den Verkauf ihrer Papiere zu Kursen von mehr als 200 Prozent erhielten sie unerwartet Mittel in die Hand gespielt, die zu einem großen Teil sofort wieder in Aktien angelegt wurden. Einiges Geld floß in GBAG-Aktien, von denen eines Tages ähnliche "Wunder" erwartet werden, wie sie sich bei den DEA-Aktien in die sen Jahr zweimal eingestellt haben. Etliche Millionen, die durch den Verkauf von DEA-Aktien freigeworden sind, dürften daneben den Montan-Aktien zugute gekommen sein.

Der Rentenmarkt stagniert weiterhin. Nennenswerte Kursveränderungen gab es nicht. Weder das private Publikum noch die Kapitalsammelstellen waren bereit, die Senkung der Mindestreserven der Banken zum Jahresende als das Ende der "harten Bundesbankpolitik" zu werten. Für die Rentensparer wichtiger als solche gewagten Spekulationen ist die Sitzung des "Rinden Tisches" am 10. November. Entschließt man sich, weiterhin am Emissionsstopp festzuhalten, dann besteht die berechtigte Aussicht, daß das Kursniveau am Rentenmarkt stabil gehalten werden kann. Gibt man jedoch dem Drängen der zahlreichen öffentlichen Hände auf Genehmigung von Anleihen nach, sind neue Kursverluste unvermeidlich. K. W.