Hier sei die Rede von einer 1959 herausgebrachten "Grammatik der deutschen Gegenwartssprache", die sich in Deutschland, und mehr noch im Ausland, unangefochtener – da von dem großen Namen "Duden" gedeckter – Autorität erfreut. Eine solche Grammatik von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen, fällt schwer. Der Benutzer beginnt also zu blättern, liest sich in diesem oder jenem Abschnitt fest, zeigt sich einverstanden oder auch nicht und bemüht sich, Absicht und Plan des Ganzen zu erkennen.

Absicht? Plan?

In § 108 etwa gilt das von den Verfassern gebildete Satzbeispiel Der Professor betrat den Hörsaal, gefolgt von seinem Assistenten "noch nicht als völlig korrekt". Aha, denkt man, ein von spracherzieherischem Geist getragenes Werk mit puristischem Einschlag. Man liest weiter und erfährt in § 109: Ein unpersönliches Passiv ist möglich...: Jetzt wird sich hingelegt! Jetzt wird sich gewaschen! Man stutzt und möchte einwenden, daß die angeführten Beispiele kaum hochsprachlich seien. Doch zum Ausgleich erfährt man dann in § 169, daß der Unterzeichnete "noch weithin als inkorrekt oder als umgangssprachlich" gelte, während kurz zuvor, in § 167, der über den See geschwommene Knabe unbeanstandet passiert.

Der irritierte Benutzer möchte also im Vorwort etwas über die hier obwaltenden Maßstäbe und Prinzipien hören; statt dessen wird er aber nur gerührt Zeuge eines allgemeinen Händeschütteln und Schulterklopfens und erfährt nebenher, daß er hier einer "Volksgrammatik" gegenübersteht und daß jener anonyme Professor aus dem ersten Beispiel jedenfalls wohl nicht der Herr Professor Hugo Moser sein kann, denn der, heißt es, "hat uns bei grundsätzlichen Fragen mit seinem guten Rat unterstützt". So freut man sich denn, dem Namen jenes verdienstvollen Gelehrten auch in den Belegstellen der Grammatik wiederzubegegnen, etwa in § 486: das spannungserfüllte Bild allen geistigen Lebens (H. Moser) oder in § 502: Stetiger Wandel gehört zum Wesen jeden Kulturgutes (H. Moser).

Wie sagte doch Friedrich Sieburg in seiner auf den ersten Seiten der Grammatik wiedergegebenen Besprechung in der FAZ? "Wortwahl und Satzbau großer Schriftsteller (werden) herangezogen." Gern möchte der für witzige oder wißbegierige Leser nun noch erfahren, in welchen Werken Mosers die erwähnten Zitate denn stehen; so schlägt er nochmals das Vorwort auf, denn als Benutzer einer Grammatik ist er ja gerade an "grundsätzlichen Fragen" interessiert. Doch sucht er vergeblich zu ergründen, wie bei der Auswahl und Darbietung von Belegstellen verfahren wurde: Jeder Hinweis darauf fehlt, und so muß er es hinnehmen, daß in dieser Grammatik Beispiele entweder ganz fehlen oder ad hoc gebildet werden oder aber Zitate, soweit sie überhaupt erscheinen, nur mit dem Namen des Verfassers bezeichnet werden, so daß man sie in keinem Fall nachprüfen kann. Freilich sagen die Brüder Grimm in der Vorrede zu ihrem Wörterbuch auf S.XXXVI: "Wie können Stellen (loci) heißen, deren Stelle ungenannt bliebe? Der Name ihres Urhebers reicht nicht aus, sie müssen aufgeschlagen werden können ... Unbelegte Zitate sind unordentlich zusammengeraffte, unbeglaubigte, unbeeidete Zeugen."

Eine solche Ausführlichkeit stehe einer "Volksgrammatik" nicht an? Die bewunderungswürdige moderne französische "Volksgrammatik" von Grevisse ("Le Bon Usage") enthält vollständige Quellenhinweise, nachschlagereif.

Sehen wir weiter. In § 264 heißt es zu dem Beispiel: Für Patient und Arzt war die Lage kritisch: "Die Form ohne -n ist nur möglich... wenn zwei durch und verbundene Substantive von einer Präposition abhängen." Entscheidend ist hier doch wohl nicht die Präposition, sondern das Fehlen des Artikels, denn es müßte heißen: Für den Patienten und den Arzt war die Lage kritisch. Diese richtige Deutung erfährt dasselbe Beispiel dann in § 313.