In der vorigen Woche ging mit einem neuen Abfindungsangebot die zweite große Spekulationswelle um die Aktien der Deutschen Erdöl-AG, Hamburg, zu Ende. Da sich inzwischen mehr als 91 Prozent des Aktienkapitals der Gesellschaft im Besitz der amerikanischen Texaco-Gruppe befinden, erreichte sie natürlich längst nicht das Ausmaß jener Geschäfte, die dem ersten Angebot der Amerikaner im Frühjahr dieses Jahres vorausgingen. Immerhin: Wer die Entwicklung richtig beurteilt hatte, konnte wieder gut verdienen. Innerhalb kurzer Zeit stieg die DEA-Aktie von 160 bis auf 205 Prozent. Ist damit bei der DEA das Rennen gelaufen oder wird es eines Tages noch ein Abfindungsangebot Nr. 3 geben? Das ist jetzt die viel diskutierte Frage.

Die Konditionen des neuen Abfindungsangebotes der Texaco-Gruppe konnten bis zuletzt geheimgehalten werden. Nur tropfenweise war durchgesickert, daß man eine neue Offerte an die noch verbliebenen freien Aktionäre (besitzen noch etwa 30 Millionen Mark des 357 Millionen betragenden DEA-Aktienkapitals) vorbereite, um den "Erfordernissen des neuen deutschen Aktiengesetzes" Rechnung zu tragen. Die Amerikaner wollen künftig bei der DEA allein regieren. Nachdem die Bundesregierung mit der Streichung der Bundeszuschüsse für Auslandsbohrungen der DEA ausdrücklich bescheinigt hatte, keine deutsche Gesellschaft mehr zu sein, büßte die deutsche Minderheit ihre Existenzberechtigung vollends ein.

Einer auf den 16. Dezember 1966 nach Hamburg einberufenen oHV wird vorgeschlagen, dem Abschluß eines Unternehmensvertrages nach Paragraph 291 des neuen Aktiengesetzes zwischen der DEA ünd der Deutsche Texaco Ltd. zuzustimmen. Die dafür notwendige Dreiviertelmehrheit ist angesichts der Besitzverhältnisse gesichert. Nur wenn ein Unternehmensvertrag vorliegt, darf sich der Vorstand der Leitung einer Konzern-Gesellschaft unterstellen und Interessen des eigenen Unternehmens zugunsten des Konzerns aufgeben. Im Falle der DEA heißt das beispielsweise, daß nach Abschluß des Vertrages die Texaco das Rohöl zu Preisen liefern kann, die sie bestimmt, um Unternehmensgewinne dort entstehen zu lassen, wo sie es im Rahmen des Gesamtkonzerns für am zweckmäßigsten hält. Vorerst hat die DEA jedoch noch alte Rohöllieferungsverträge mit der Conoco zu erfüllen.

Um die Interessen der freien Aktionäre zu schützen, hat der Gesetzgeber Sicherungen gegen ein "Ausbluten" der Tochtergesellschaft geschaffen, über die wir uns, meine verehrten Leser, hier nicht näher zu beschäftigen brauchen. Wichtig ist, daß den freien Aktionären eine Ausgleichszahlung zu garantieren ist, die sich nach der bisherigen Ertragslage und den künftigen Gewinnaussichten der Gesellschaft richten muß. Das geschieht im Falle der DEA, indem den Aktionären beginnend mit dem Geschäftsjahr 1966 – eine Dividende in der Mindesthöhe von 6 Prozent des Nominalbetrages ihrer Aktien garantiert wird.

Aus heutiger Sicht ist das ein generöser Satz. Denn wenn die Texaco die angeschlagene DEA nicht übernommen hätte, wären die freien Aktionäre für 1966 unter Umständen ohne Dividende geblieben. Trotz aller Rationalisierungsbemühungen hat sich nämlich die DEA-Geschäftslage weiter verschlechtern

Neben der Ausgleichszahlung muß ein Beherrschungsvertrag die Verpflichtung enthalten, daß die Muttergesellschaft auf Verlangen außenstehender Aktionäre deren Aktien gegen eine angemessene Abfindung erwirbt. Das ist der Grund, warum den DEA-Aktionären angeboten wird, ihre Aktien zum Kurs von 180 Prozent zu erwerben. Insoweit ist also dem deutschen Gesetz Genüge getan.

Die Texaco hat aber noch einen weiteren Schritt gemacht. Sie erneuert nämlich ihr in der Zeit vom 16. Mai bis zum 3. Juni 1966 gültig gewesenes Angebot, nach dem fünfprozentige Schuldverschreibungen der Deutschen Texaco Ltd. gegen DEA-Aktien im Verhältnis von 220 Mark für je 100 Mark DEA-Aktien umgetauscht wurden. Dadurch entwertete sie ihr Barabfindungsangebot, denn wer in Texaco-Wandelschuldverschreibungen tauscht, erhält für eine DEA-Aktie unter Berücksichtigung des gegenwärtigen Kurses für Wandelschuldverschreibungen einen Gegenwert von etwa 210 Mark. Bare Dollars brauchen die Amerikaner zum Erwerb der restlichen DEA-Aktien wieder nicht.