London, im November

Der November ist in Rhodesien der Monat der Entscheidungen. 1957 traf sich im November das Kabinett des Ministerpräsidenten Todd und beschloß, sich aufzulösen. Die Verständigung mit den schwarzen Politikern fand ihr Ende. Am 11. November 1965 rief die Regierung Ian Smith einseitig die Unabhängigkeit Südrhodesiens aus. Jetzt, im November 1966, muß die Entscheidung darüber fallen, ob es zwischen den Regierungen in London und Salisbury noch eine Verhandlungsbasis gibt.

Es geht für die Engländer um die Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung in Rhodesien, für das Kabinett Smith dagegen um die Anerkennung des illegalen Schritts vom vergangenen Jahr. Scheitern die Kontaktversuche und erweist sich das jüngste Einlenken Salisburys als bloßes Spiel um Zeitgewinn, so muß die britische Regierung bei den Vereinten Nationen Zwangssanktionen gegen Rhodesien beantragen. Das wäre das Ende der Zugehörigkeit des Landes zum Commonwealth. Die Bilder der Queen würden aus den Amtsstuben entfernt, die Union Jacks von den Regierungsgebäuden niedergeholt. An der Seite der Republik Südafrika würde sich die Republik Rhodesien auf den Endkampf um das "weiße Afrika" einrichten.

Das Bedrückende ist, daß es keinen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu geben scheint. Es geht in Rhodesien nicht um Schwarz gegen Weiß wie in der herkömmlichen Rassenpolitik. So wie es keine einheitliche Willensbildung unter den Afrikanern gibt, sind auch die weißen Rhodesier untereinander zerstritten. Die tiefe Kluft unter den Weißen demonstrieren zwei Bücher, die in diesen Tagen erschienen sind. Der letzte rhodesische Hochkommissar in London, Brigadier Andrew Skeen, hat in einem südafrikanischen Verlag unter dem Titel "Prelude to independence" die diplomatische Vorbereitung jenes 11. 11. 1965 beschrieben. Die Tochter des deportierten und erst kürzlich wieder freigesetzter Ministerpräsidenten Todd hat ihre Version der rhodesischen Politik publiziert.

Brigadier Skeen ist ein typischer Vertreter der "neuen Rhodesier". Er ging 1947 nach Salisbury. Sein Amt in London trat er drei Monate vor der Unabhängigkeit "mit Widerwillen" an. Wie die Regierung Smith, so glaubt auch Ex-Hochkommissar Skeen, daß es in Rhodesien um einen Kampf gegen den "Weltkommunismus" geht. Im Vorwort schreibt er: "Zweimal in der Geschichte der Welt versuchte der Osten die westliche Kultur zu überwältigen. Beide Male wurde die östliche Woge von einigen wenigen entschlossenen Männern zum Halten gebracht." Er erinnert an die Griechen bei den Thermopylen und an die Kaiserlichen bei Wien. Jetzt drohe die dritte Woge. "Diese Entwicklung war schon sehr weit fortgeschritten, als sie im Sommer 1965 zum erstenmal und zwar in Rhodesien ernsthaft gebremst wurde." Skeens abenteuerlicher Gedankengang lautet, Rhodesien sei die Bastion Südafrikas, auf dessen Verteidigung für den Westen alles ankomme. Er schließt: "Rhodesien nahm die Rolle des Helden der westlichen Zivilisation an."

Was in jener Zeitspanne, die der Autor in grober Selbstüberschätzung mit dem Untertitel "Skeens 115 Tage" bezeichnet, in Rhodesien wirklich vor sich ging, darüber erfährt man aus dem Buch der Judith Todd mehr. Am 5. November wurde der Ausnahmezustand beschlossen, mit neuen Polizeivollmachten. Das wurde der Presse und dem britischen Gouverneur gegenüber abgestritten. Miß Todd trägt auch einige Korrekturen zu dem Bild einer friedlichen Zivilisation und Kultivierung bei. Sie verschweigt nicht die blutigen Aufstände der Eingeborenen und auch nicht die totgeschlagenen Afrikaner in den Gefängnissen der Kolonialherren. Sie prangert die Heuchelei der "fortschrittlichen Rassentrennung" Rhodesiens an: "Einer meiner Freunde aus Kenya wurde in einem Nachtklub in Salisbury zugelassen, nachdem er dem Geschäftsführer versprochen hatte, nicht mit weißen Frauen zu tanzen. Aber er durfte dem Stip-tease zusehen, bei dem die Akteure weiße Frauen waren."