Die Unfallkurve steigt

Von Gert Kreyssig

Wie wäre uns geholfen, wenn die Bremsen der Kraftfahrzeuge, die Ventile der Dampfkessel oder die elektrischen Sicherungen nur zu achtzehn Prozent voll und nur zu dreizehn Prozent teilweise funktionieren würden. Der drastische Vergleich mit einer anderen Apparatur, die unter dem Schlagwort "Sicherheit" offeriert wird, der "Sicherheitsbindungen" der Skifahrer, erhellt, worum es geht. In den fünfziger Jahren kamen die ersten brauchbaren "Sicherheitsbacken" auf den Markt. Erfindungen, die den Skifahrer vor dem gefürchteten Schienbeinbruch bewahren sollten. In jüngerer Zeit sind die sogenannten Fersenautomatiken hinzugekommen. Damit schien das Pistenglück endgültig ungetrübt. "Bei einem Sturz nach vorn oder zur Seite löst sich der Ski automatisch vom Stiefel und gibt das Bein frei. Ihre Sehnen und Knochen bleiben heil", heißt es in einer theoretischen Anleitung. Mit Schlagworten wie "Sicherheit nach Maß" oder "Wunderbar unbekümmerter Skilauf" machen die Hersteller kein schlechtes Geschäft mit den Sicherheitsbindungen. Mehr als ein Dutzend Firmen haben insgesamt mehr als drei Dutzend Modelle (Preise: 60 bis 110 Mark) auf den Markt gebracht. Von den geschätzten acht Millionen bundesdeutschen Skiläufern fahren heute schon rund 85 Prozent mit einer Sicherheitsbindung.

Indes, die Unfallkurve steigt und steigt. Garantiescheine für das Funktionieren der Bindung gibt es nicht. Von skeptischen Skifahrern werden sie ohnehin seit langem als "sogenannte Sicherheitsbindungen" bezeichnet. Zu diesen Skeptikern gehört auch der 41jährige Münchener Chirurg Dr. Ernst Asang. Nachdem er sich trotz Sicherheitsbindung die Achillessehne eingerissen hatte, nahm er die Sache unter die ärztliche Lupe. Im Februar dieses Jahres versandte er 744 Fragebogen an alle in den letzten Jahren im Münchener Krankenhaus rechts der Isar behandelten Skiverletzten, sah ihre Röntgenbilder und Befunde. Im Elektronenrechner wurden die Antworten ausgewertet.

Über die Zuverlässigkeit von Sicherheitsbindungen sagt der Unfallchirurg: "Wer hätte es für möglich gehalten, daß sie bei 63 Prozent der entstandenen Verletzungen versagt haben! Umgerechnet auf die ausschließlich typischen Skisportverletzungen – Unterschenkel- und Knöchelbrüche sowie Knie- und Sprunggelenkverstauchungen –, die durch die Sicherheitsbindungen doch vermindert werden sollen, sind es sogar 69 Prozent." Bei der Klärung der Unfallursachen ist der Arzt zunächst davon ausgegangen, alle denkbaren Möglichkeiten zu überprüfen, wie das bisher auch schon zahlreiche andere Sportärzte in den Alpenländern getan haben. Diese Ergebnisse decken sich zum größten Teil.

Bei den meisten der Befragten (81 Prozent) war der Unfallort die Piste oder der Übungshang. Überwiegend (82 Prozent) waren die Sichtverhältnisse gut, die Unfallzeit der Nachmittag, an dem eben am meisten skigelaufen wird; 70 Prozent der Verunglückten waren Fortgeschrittene, 30 Prozent Anfänger; über das Tempo beim Unfall gaben die Befragten an: Schnell 46 Prozent, langsam 42 Prozent, Stand 9 Prozent, Sprung 2 Prozent; und auf die Frage "Öffnung der Sicherheitsbindung bei Unfall" antworteten: Rechtzeitig: 18 Prozent, teilweise: 13 Prozent, nicht: 63 Prozent, vorzeitig (als Unfallursache): 4 Prozent.

Das Fazit seiner Untersuchungen wirft manch alte Theorie über den Haufen. Denn bisher wurden viele jetzt widerlegte Ursachen für einen Unfall angenommen, etwa Ermüdung, mangelndes Training, die Schneebeschaffenheit, schlecht gepflegte Pisten, X-Beine einer Skidame, zu hohes Alter eines Skiherrn. Das alles, sagt der skifahrende Arzt Asang, kann lediglich die Sturzgefahr beeinflussen, die Unfallgefahr jedoch nicht – wenn die Sicherheitsbindung das Bein im rechten Moment freigibt. Kurzum: Stürze sind legitim, aber wer eine Sicherheitsbindung hat, möchte sich darauf verlassen können, daß ihm dabei nichts passiert. Ganz ohne Risiko wäre, wie Dr. Asang richtig erläutert, das Skifahren dann allerdings auch noch nicht. Denn es bleiben noch die "atypischen Skiverletzungen" (20 Prozent), wenn etwa ein Gestürzter gegen einen Baum geschleudert wird oder sich den Skistock in die Schulter rennt.