Bonn, im November

Auch die Sozialdemokraten sind in der Bonner Krise von wechselnden Stimmungen hin und her gerissen. Sie spüren die Chance, daß sie zum erstenmal nach siebzehn Jahren regieren oder wenigstens mitregieren könnten. Aber noch scheuen sie sich, die Initiative zu ergreifen.

Die Partei möchte im Bonner Nebel nicht in die falsche Richtung marschieren. Würde sie zunächst bei der CDU/CSU sondieren, so liefe sie Gefahr, die FDP der Unionspartei in die Arme zu treiben. Umgekehrt könnte ein Eröffnungsgespräch mit der FDP die Unionspartei um ihre Machtposition bangen lassen. Auf diese Weise könnte dann die alte Koalition – unter einem neuen Kanzler – wieder entstehen.

So verwendet die SPD einstweilen ihr taktisches Geschick darauf, die innere Krise der CDU/CSU weiter anzuheizen, um das Interim des Minderheitskabinetts Erhard abzukürzen. Erst wenn die Unionspartei Verhandlungen über eine neue Regierungsmehrheit aufnimmt, nach welcher Seite es auch sei, wird sich bei der SPD der aufgestaute Drang zum Handeln entladen. Mit welchem Ergebnis? Niemand vermag es vorauszusagen.

Theoretisch eröffnen sich der SPD drei Möglichkeiten: Die Große Koalition mit der CDU/CSU, das Regierungsbündnis mit den Freien Demokraten und die Fortführung der Rolle als Oppositionspartei. Aber bewußt in der Opposition verharren? Die meisten sehen hierin kein Ziel, sie empfänden es eher als Schicksal.

Die Wahl freilich zwischen einer Koalition mit der CDU/CSU oder der FDP ist von so vielen Größen abhängig, daß sich eine einheitliche Stimmung noch nicht abzeichnet, nicht einmal bei den führenden Männern der SPD, bei Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Sie sind noch unentschlossen. Der Wille zur Großen Koalition stößt vielfach selbst bei jenen Sozialdemokraten auf Bedenken, die sich früher für dieses Bündnis eingesetzt hatten. Der desolate Zustand der Unionspartei und ihre innere Zerrissenheit laßt sie an der Möglichkeit einer handlungsfähigen Regierung zweifeln – einer Regierung, die nicht an den großen Problemen der Innen- und Außenpolitik vorbeischlittert, sondern sie auch zu lösen vermöchte.

Die Kluft zwischen der SPD und der FDP in den wichtigen Sachfragen scheint viel eher überbrückbar zu sein. In der Außenpolitik und in der Deutschlandfrage trennt die beiden Parteien fast nichts voneinander. In der Innenpolitik allerdings steht die Sozialpolitik zwischen ihnen. Doch dieser Gegensatz wird durch die angespannte Finanzlage weitgehend neutralisiert. Bei leeren Kassen läßt sich in der Sozialpolitik ohnehin nichts machen.