Von Kurt Wildner

Aus einem Dorf schrieb eine Frau: "Ich bin der Verzweiflung nahe... Wann endlich wird etwas für unsere Kinder getan? Ich will Ihnen nur ganz kurz schildern, wie es mir heute wieder ergangen ist. Ich gehe mit meiner Tochter (ein elfjähriges, mongoloides Mädchen) einkaufen. Unterwegs treffe ich eine Mutter von fünf gesunden Kindern. (Ich möchte erwähnen, daß ich mit dieser Mutter keinen persönlichen Kontakt habe.) Sie hält mich auf der Straße an und sagt in einem sehr befehlenden Ton: ‚Sag mal, willst du dein Kind nicht mal in eine Schule schicken?‘ Ich brauche Ihnen nicht zu schreiben, wie mir zumute war. Diese Leute glauben, wir Eltern täten nichts für unsere Kinder. Mir ist so ein Fall wie dieser schon öfters passiert. Ich bin mit meinen Nerven am Ende. Wann endlich wird etwas geschehen?"

Eine Frage, die die Eltern aller im Bundesgebiet lebenden geistig behinderten Kinder – nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 1962 etwa 100 000 – stellen. Das sind mehr als alle Kinder zusammen, die blind, gelähmt, verkrüppelt, körperlich behindert sind, sei es von Geburt an, sei es durch Unfälle. Nicht einmal die "Geißeln der Menschheit", Lepra und Krebs, sind nach Zahl und Problematik mit den Aufgaben zu vergleichen, die uns geistig behinderte Menschen stellen.

"Nahezu 90 Prozent aller geistig behinderten Kinder bleiben unentdeckt" – diese Bemerkung fiel auf einer Fachtagung der Evangelischen Akademie in Iserlohn. Die Zahl scheint kaum übertrieben zu sein. Warum aber werden geistig behinderte Kinder von ihren Eltern versteckt? Die alte Frage hat eine alte Antwort: Es liegt im Verhalten der Umwelt, an mangelndem und untätigem Mitgefühl, an bequemer Lebenseinstellung, an Vorurteilen, Verständnislosigkeit und auch an ganz offener "Ablehnung". Die Eltern, im allgemeinen Prestigedenken gefangen, fühlen ihr Ansehen vermindert, und das, obwohl sie völlig unschuldig sind.

"Du mußt doch auch an das Kind denken", sagte die Nachbarin.

Wie mag das auf eine Mutter wirken, die unentwegt an ihr Kind denkt und hofft – lebenslänglich? Meist versuchen diese Eltern mit unerhörten Leistungen, aber vergeblich, ihren Kindern zu helfen. Väter wechseln ihren Beruf, Familien ihren Wohnsitz, um an einen Ort zu kommen, an dem es Hilfe geben könnte. Viele fahren Tausende von Kilometern kreuz und quer durch das Bundesgebiet, um einen Platz für ihr Kind zu finden – keinen Platz an der Sonne, nur einen erträglichen. Jedoch: in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen zum Beispiel stehen schon Hunderte auf den Wartelisten der Heime oder Anstalten.

Diese Kinder sind nicht geisteskrank, sie sind geistesschwach. Primär gehören sie in die Obhut ihrer Familien; nur der Mangel an geeigneten lokalen Einrichtungen treibt die Eltern auf die Suche nach anderer Hilfe.