Vorschriftsmäßig spazieren kleine Gruppen von Lehrern über die Landstraße von Bendestorf. Sie haben Pause – die Mittagspause zwischen Vor- und Nachmittagsunterricht. Diese Lehrer sind "Schüler" des Lehrerseminars-Nord, das Ende September hier in dem kleinen Luftkurort der Nordheide eingerichtet wurde. In diesem Seminar, das dem Beispiel des im Februar am Starnberger See eingerichteten Lehrerseminars-Süd folgte, werden seit einigen Wochen Lehrer der vier Küstenländer, also Schleswig-Holsteins, Hamburgs, Bremens und Niedersachsens, darin unterwiesen und angeleitet, ihren Schulkindern richtigen Verkehrsunterricht zu geben. Jeder Kursus dauert eine Woche. Bundesverkehrswacht und Automobilklubs machten es möglich: Für jeden Lehrer, der in Bendestorf einen Kursus mitmacht, werden pro Tag siebzehn Mark aufgebracht.

In der vorigen Woche, als ich das Seminar besuchte, hatte der fünfte Kursus, dieser mit 25 Teilnehmern, gerade seinen vierten Lerntag. Auf dem Parkplatz des zu dieser Jahreszeit nicht mehr sehr besuchten Gasthofes, in dem die Seminaristen essen und ein Teil von ihnen wohnt, standen 22 Autos, die Lehrern gehörten. Nur drei Teilnehmer waren diesmal mit der Eisenbahn oder einem Autobus nach Bendestorf gekommen. Wenigstens soviele, wie mit dem Wagen gekommen waren, besitzen also einen Führerschein und können ihre Schüler richtiges Verhalten im Verkehr, also nicht nur aus Erfahrungen als Fußgänger oder Radfahrer, lehren.

Rektor Erich Becker von einer Schule im schleswig-holsteinischen Tornesch leitet das Lehrerseminar-Nord. Er hatte sich schon seit Jahren darum bemüht, Behörden und Kollegen davon zu überzeugen, daß es nicht genügt, wenn Kinder einfach die Verkehrsregeln kennen, sondern daß Pädagogen neue Methoden ersinnen müßten, die Kinder für die Zeit zu erziehen, in der sie leben: eine Zeit mit dem Segen und den Gefahren der Technik. Die Schulbehörde "ordnete den Rektor Becker für die Arbeit in Bendestorf ab."

Zum fünften Kursus waren zwanzig Lehrer und Lehrerinnen aus Niedersachsen, fünf aus Schleswig-Holstein, aber nur je ein Teilnehmer aus Hamburg und Bremen gekommen. Aus Hamburg also nur ein Lehrer – was seine tieferen Gründe hat. In Hamburg sind nämlich seit einigen Jahren achtzig Polizisten ständig dafür "abgestellt", reihum in den Schulen Verkehrsunterricht zu geben. "Wir können das ganz gut", meinen die Hamburger Polizisten, und die Hamburger Schulbehörde scheint es auch so anzusehen. Seit der Gründung des Heideseminars haben überhaupt nur zehn Lehrer aus Hamburg an Kursen teilgenommen.

Nun sind sicher nicht nur die Polizisten selbst der Ansicht, daß sie es ganz gut machen. Von dem, was sie lehren, verstehen sie etwas und das verstehen sie wohl auch, den Schulkindern in den Klassen und auf den mobilen Verkehrs-Schulgärten, auf den Schulhöfen, beizubringen. Nur das genügt eben nicht, meinen die Lehrer. Der Verkehrsunterricht erfordere pädagogische Erfahrung und dürfe nicht isolierte Unterweisung sein. Er muß, sagen sie, alle Fächer gewissermaßen unterwandern, sich auf Schleichpfaden in den Deutschunterricht einfädeln, in die Physikstunden, die Erdkunde, die Geschichte, den Sport – eben in jede Schulstunde. Das richtige Verhalten im Straßenverkehr wäre der geeignete Ausgangspunkt für die Erziehung zum vernünftigen Staatsbürger, der sich nicht nur auf der Straße und zu seinem eigenen Schutz der Wirklichkeit anpaßt. Richtiges Verhalten im Straßenverkehr und allgemeines Verantwortungsbewußtsein wären ein und dasselbe – oder sollten es endlich doch werden, meinen die Initiatoren. Im Lehrerseminar zeigen sie den Lehrern, wie sie es anfangen könnten, dieses Ideal in die Praxis umzusetzen.

Das läßt sich zum Beispiel machen, indem 14- bis 15jährige Schüler einen Aufsatz über das Thema schreiben: "Ist es richtig, daß man erst mit 16 Jahren ein Moped fahren darf?" Da außer einigen Braven, die schreiben, was der Lehrer ihrer Meinung nach hören will, und einigen besonders Vernünftigen natürlich die Mehrzahl meint, daß sie sehr wohl schon mit dem ersehnten Brummer durch die Straßen sausen könnte, gibt es Stoff genug zum Diskutieren in der Klasse.

In Niedersachsen, in der Kleinstadt Buchholz, hatten die Kursusteilnehmer die zehnte Klasse einer Schule besucht. Der Lehrer dieser Klasse hatte ihnen vorgeführt, wie er es mit dem Verkehrsunterricht hält. Der Buchholzer Lehrer ließ seine Schüler in der Verkehrsstunde an die Klassenfenster gehen, forderte sie auf, das Verhalten der vorüberkommenden Radfahrer zu beobachten und nachher zu berichten, was die Radfahrer gut und was sie falsch gemacht hatten. Ein anderes Mal werden die Fußgänger oder die Autofahrer beobachtet. "Schwerpunktprogramme" also auch hier. Ein Lehrer, der selbst Auto fährt, ist für die Kritik an Autofahrern natürlich der Richtige.