Von Paul Sethe

Günter Gaus: Staatserhaltende Opposition; oder Hat die SPD kapituliert? Gespräche mit Herbert Wehner. rororo-aktuell Nr. 942, Rowohlt Verlag, Reinbek. 124 Seiten 2,20 DM

Woran mag es liegen, daß es so vielen politisch interessierten Staatsbürgern so schwerfällt, politische Bücher zu lesen. Doch wohl daran, daß sie so un-menschlich sind. In ihnen ist viel die Rede von abgestufter Abschreckung und europäischem Sicherheitssystem, von Notstandsgesetzen und verschärfter Kreditrestriktion. Aber daß lebendige Menschen den Streit um diese Entscheidungen ausfechten, das spürt man selten.

Nun, dieses Buch habe ich in einem Zuge durchgelesen, ohne auch nur einmal abzusetzen. Hier wird ein lebendiger Mensch sichtbar, kein Siegfried und kein Parsifal – um so besser –, sondern ein Mensch mit Leidenschaften und Schroffen, mit Einsichten und Irrtümern, mit starkem Willen und mit Mut: die geborene politische Führernatur.

Daß wir Herbert Wehner nach der Lektüre dieses; Büchleins besser kennen als vorher, ist zu einem großen Teil das Verdienst von Günter Gaus. Er kennt die deutsche Gegenwart; er kennt die Sorgen der Partei Wehners; er weiß, warum sie Anhänger hat und warum sie getadelt wird. Er hat die Fähigkeit, treffsicher zu formulieren. So ist er ein ausgezeichneter Gesprächspartner. Er hält dabei weise die Mitte zwischen zwei gefährlichen Möglichkeiten. Er erliegt nicht der Versuchung, Wehner belehren zu wollen, er ist auch nicht einfach sein Sprachrohr, dazu ist er zu selbstbewußt, und dazu weiß er zu genau, daß die Gespräche dann langweilig würden. Gelegentlich widerspricht er, streitet sich ein wenig, lenkt ohne Scheu den Partner auf Gegenstände, die diesem unangenehm sind. Aber er verliert nie aus dem Auge, daß es seine Aufgabe nicht ist, die Gedanken von Günter Gaus mitzuteilen, sondern Wehners Meinungen verständlich und klar zu machen. Er spielt mit seinen Fragen ein wenig Sokrates, also die Hebamme für die Gedanken des anderen.

Ein so freimütiger Mensch wie Wehner sprudelt dann auch heraus – nicht unbedacht, o nein, er bemüht sich, seiner-Partei keine Blöße zu geben, aber sonst hat er nicht viel Achtung vor Tabus. Er spricht offen von seinen Irrtümern und Kurt Schumachers Fehlschätzungen. Er schont sich nicht, aber noch weniger andere. Wenn er über die möglichen Koalitionspartner von morgen spricht, schimmert der blanke Hohn durch.

Seine Sprache ist oft unbekümmert, aber nicht Gleichgültigkeit gegenüber dem Ausdruck bestimmt seine Wortwahl: Verachtung prägt sich in ihr aus. Man lasse folgendes Stück des ersten Gesprächs auf sich wirken: